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Kroatien: Tiefkühlkost statt Adria-Fisch
In der Hochsaison werden Kroatien-Touristen oft mit überteuertem Importfisch aus Asien abgespeist. Der Fang der einheimischen Fischer landet überwiegend im Ausland.
Geduldig bessert ein Fischer im Hafen von Baska sein Netz aus. Gemächlich tuckert ein Kutter durch die bergumsäumte Bucht der schmucken Hafenstadt im Süden der kroatischen Adria-Insel Krk. Frischen Meeresfisch offerieren auch die Speisekarten der zahlreichen Restaurants an der Hafenkade. Doch keineswegs in allen Wirtshäusern von Baska können sich Touristen in der Hochsaison tatsächlich an lokalen Schuppentieren laben. „Die Fischer im Ort decken mit ihren Fängen allenfalls den Eigenbedarf“, erläutert der pensionierte Seemann Davor Dorcic den erstaunlichen Mangel an Adria-Fisch in dem Küstenstädtchen. Während der Sommersaison werde in Baska einfach zu wenig Fisch für zu viele Touristen gefangen, erklärt der Mann im gestreiften Seemanns-T-Shirt, warum viele Restaurants ihren Gästen oft Importfisch vorsetzen.
Eine andere Erklärung für den merkwürdigen Fischmangel an Kroatiens Küste hat ein braungebrannter Inselbewohner auf der Fähre nach Rab: „Die Adria ist überfischt. Der Fischbestand müsste sich einfach ein paar Jahre regenerieren können.“ In der kroatischen Adria gebe es „ausreichend Fisch“, versichert hingegen Ante Fabijanic, der Vorsitzende der nationalen Fischereiinnung. Der Sektor würde den heimischen Fischbestand „hegen“, beteuert der Fischer von der Insel Pag. Weiß- und Blaufisch tummle sich in den Gewässern der kroatischen Inselwelt eigentlich genug, nur bei bestimmten Sorten wie der Zahnbrasse oder dem Roten Drachenkopf sei der Bestand mittlerweile „etwas weniger“ geworden, so der 58-jährige Kroate: „Der Großteil unseres Fangs geht in den Export, aber der heimische Bedarf wird gedeckt.“
250.000 Leute leben vom Fisch
Zwar pflegen Kroatiens Fischer seit Jahren über die Konkurrenz aus
Italien zu klagen, die mit ihren wesentlich größeren Schleppnetzbooten
die
heimischen Gewässer zu überfischen drohe.
Doch obwohl Zagrebs Versuch der Schaffung einer Fischereizone Anfang
vergangenen Jahres am Widerstand der EU-Kommission scheiterte, konnten
Kroatiens Fischer 2008 mit einem Jahresfang von über 49.000 Tonnen
einen neuen Rekord vermelden. „Es scheint, dass die Fischerei einer der
wenigen Wirtschaftssektoren ist, dem es derzeit ausgezeichnet geht“,
konstatiert die Zeitung „Vecernij List“.
Investitionen in die Modernisierung der heimischen Fischereiflotte
macht der Sektor für das verbesserte Fangergebnis verantwortlich: Doch
in Form sinkender Preise würden auch Kroatiens Fischer die Folgen der
Krise zu spüren bekommen. Derzeit zählt das Land mit der 5800 Kilometer
langen Küste rund 20.000 Berufsfischer auf 3700 Kuttern: Einschließlich
Verarbeitung und Handel bietet der Sektor laut der Fischereiinnung
indirekt 250.000 Menschen ein Auskommen. Als große Fischesser gelten
die 4,5 Millionen Bewohner des Adria-Staats jedoch keineswegs: Ihr
Pro-Kopf-Verbrauch von sieben Kilogramm im Jahr beträgt weniger als ein
Drittel des EU-Mittels.
Thunfisch für Japan
Vielleicht liegt der überraschend karge Fischappetit an den relativ
hohen Preisen. Mit 30.000 Tonnen geht der Großteil des kroatischen
Fangs denn auch in den Export – vor allem nach Japan (Thunfisch),
Italien und in die exjugoslawischen Bruderstaaten. Zwar führt Kroatien
mit 50.000 Tonnen weitaus mehr Fisch ein als aus – insbesondere Hering
zur Fütterung von Zucht-Thunfischen. Der Erlös der hochwertigen Exporte
liegt indes rund 60 Prozent über dem Wert der Billigimporte: Die
Fischerei ist einer der wenigen
Wirtschaftssektoren des Landes mit
einer positiven Handelsbilanz.
Über acht Millionen ausländische Gäste machen sich jährlich nach
Kroatien auf. Deren Heißhunger auf Meeresfisch können die heimischen
Gastronomen zur Hochsaison kaum mehr gänzlich mit lokalen Fängen
stillen. Doch obwohl die Wirte für die importierte Tiefkühlkost weit
weniger als für Frischfisch aus der nahen Adria berappen müssen, geben
sie den Preisvorteil selten an die Gäste weiter.
Kroatien-Urlauber, die sich auf Uferterrassen mit Blick auf sacht plätschernde Meereswogen an vermeintlich lokalen Spezialitäten laben, ahnen selten, dass sie oft mit Billig-Calamares aus Patagonien oder Krebsen und Krabben aus dem Nordatlantik abgespeist werden. Der Markt sei frei – und Import von Fisch könne man nicht verbieten, sagt Ante Fabijanic. Kroaten würden „wissen“, dass heimischer Fisch meist von besserer Qualität als importierter sei – und entsprechende Restaurants ansteuern. Ausländischen Gästen empfiehlt der Funktionär vor der Wahl des Wirtshauses eben eine hartnäckige Recherche: „Man muss einfach fragen, ob das Restaurant wirklich Adria-Fisch serviert oder nicht.“
Mit dreundlicher Genehmigung, diePresse, Wien
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