Neue spectaculäre Rennserie: The Roaring 40s

2010-04-19_072955Man nehme die besten Segler und die schnellsten Boote der Welt, erfinde ein kämpferisches Wettkampfformat und verdichte diese explosive Mischung durch die Enge eines Hafenbeckens: Willkommen bei einer Rennserie, die Ihre Sicht des Segelns für immer verändern könnte.

Der Windmesser zeigt 23 Knoten an, 42 km/h. Weiße Schaumkronen klatschen an die omanische Küste, aufgeregt schnarrt der Livekommentar des Rennens aus krachenden Lautsprechern. Red Bull Extreme 40 führt das Feld an, schneidet leicht und entschlossen durchs Wasser, gerade einmal zehn Meter vom Wellenbrecher entfernt, der als VIP-Tribüne dient. Offizielle des Sultanats verfolgen von hier aus das rasante Rennen, in wehende weiße Kanduras gehüllt, die Gesichter hinter Designer-Sonnenbrillen verborgen. Nur die Gastarbeiterkinder, die auf den Felsen herumklettern, tragen kurze Hosen und T-Shirts. Doch auch sie halten gebannt inne, um zuzusehen.

Die Boote jagen mehr als 30 Knoten schnell an der Küste vorbei, so nahe, dass Skipper Roman Hagara und seine dreiköpfige Crew an Bord der Red Bull trotz des heulenden Fahrtwinds die beiden Live-Kommentatoren verstehen könnten – hätten sie in dieser entscheidenden Phase die Zeit dafür. Noch eine Wendeboje und ein Amwindkurs (Kreuzkurs) gegen den Wind, und Red Bull wird das dritte Rennen des Tages gewonnen haben. Damit dürfte dem Team beim letzten Stop der Extreme Sailing Series in Asien der Gesamtsieg wohl nicht mehr zu nehmen sein.

Kentern an der letzten Wende

In einem der aufblasbaren Schlauchboote, die, mit mächtigen Außenbordmotoren bestückt, rund um den Rennkurs patrouillieren, sitzt Andrew Macpherson, zugleich Coach 2010-04-19_073104und Wechselspieler des Teams Red Bull. Er verfolgt das Geschehen durch ein Paar Oakleys unter einer tief ins Gesicht gezogenen Kappe. „Nettes Tempo“, sagt der Australier trocken. „Aber holt jetzt besser das Segel ein …“

Als ob sie ihn gehört hätten: Die Crewmitglieder David Vera und Gabriele Olivo, postiert auf dem schwarzen, streng gespannten Meshtrampolin zwischen den Rümpfen des Katamarans, beginnen den Spinnaker einzuholen, Hagara setzt zur Wende an, doch plötzlich gerät das Boot in Schräglage. Der österreichische Doppel-Olympiasieger blickt beunruhigt auf. Ein Teil des Spinnakers, groß wie zwei Leintücher, ist noch nicht eingeholt, flattert zuerst, schlägt dann wild um sich. Der Sturm beißt sich nicht nur in zwei, sondern in drei Segeln fest. Mit unheimlicher Kraft drückt er den Bug unter Wasser, schon ragt das Heck hoch in die Luft.

Das 1000-Kilogramm-Boot beginnt langsam, aber unaufhaltbar zu kippen. Vera baumelt vom Mesh, stürzt, als das Boot schlussendlich kentert, ins Wasser. Olivo versucht verzweifelt, am Mast das Gleichgewicht zu halten. Taktiker Hans-Peter Steinacher, mit Hagara Goldmedaillengewinner und seit dreizehn Jahren an dessen Seite, krallt sich am Mesh fest. Und Hagara selbst versucht, am Schiffsrumpf Halt zu finden, ehe ihn eine Welle abwirft und er abstürzt, sieben Meter tief. Sein linker Arm kracht gegen das Steuerruder, sein Knöchel knallt gegen den Schiffsrumpf, dann taucht Hagara im Wasser ab. Blitzschnell sind sechs Schlauchboote zur Stelle, um zu helfen.

Zuschauer atemlos

Die Menge an Land hält den Atem an. Die jungen Omaner, die bisher am Strand zur House-Musik des mobilen DJ-Trucks Fußball gespielt haben, unterbrechen ihr Match, starren hinaus aufs Meer. Sie mögen keine Segel-Experten sein, aber sie erkennen Action, wenn sie sie sehen.

Spannung, packende Zweikämpfe, atemberaubender Speed und ein Crash der Favoriten: Es ist kein guter Tag für Roman Hagara und sein Team, aber ein guter Tag für die aufstrebende Rennserie der Extreme 40s. Immerhin soll sie der breiten Masse eine als versnobt verschriene Sportart schmackhaft machen. Und sie tut das konsequent. Alles ist hier darauf ausgelegt, den Zuschauern eine gute Show zu bieten: zwei Livesprecher, spritzige 15-Minuten-Rennen, untypisch bunte Hauptsegel. Ein oder zwei kenternde Boote – die Serie brachte es in ihrer erst vierjährigen Geschichte bereits auf zehn – verbreiten bei den Zuschauern densel¬ben wohligen Kitzel wie Eishockey-Bodychecks oder NASCAR-Blechsalat: Dosiert eingesetzt, sind sie spektakuläre Würze des Wettkampfs.

Zurück am Jachthafen, eine Autostunde westlich von Maskat, erwartet die ge¬prügelte Red Bull Crew ein aufgekratzter Dan Koene. Er ist einer der Erfinder der Extreme-40-Klasse. „Hey, genau darum geht’s doch“, ruft er, während seine orangen Leinenhosen in der noch immer stei¬fen Brise flattern, „ihr müsst das positiv sehen: Ihr habt eine tolle Show geboten!“

Launch der Rennserie in 2006

Die Reaktion auf diese Schmerzlinderung fällt gedämpft aus. Hagara ist auf dem Weg ins Hospital. 2010-04-19_073130Und Steinacher, Olivo, Vera und Macpherson sehen es eher so, dass sie nun einen Mast reparieren müssen und ein Cut am Rumpf, das eines der Rettungsboote hinterlassen hat.

Fünf Jahre ist es her, dass der forsche Niederländer Koene mit seinen Partnern Mitch Booth und Herbert Dercksen gemeinsam mit dem Segler und Designer Yves Loday den ersten Extreme 40 gebaut hat – mit Hilfe einer Tiefziehform, wie sie zum Formen eines F1-Chassis verwendet wird. Die Idee dahinter war nicht weniger als die Idee einer neuen Rennklasse: Katamarane sollten es sein, doppelt so groß wie die herkömmlichen Tornados.

Direkt aus der Fabrik wurden sechs Boote an den Start des Volvo Ocean Race 2005 geliefert. „Wir hatten einen gro߬artigen ersten Tag“, schwärmt Koene. Er meint damit, „dass wir gleich beim Start einen gewaltigen Crash erlebten und ein Boot innerhalb von Sekunden sank. Die Leute haben’s geliebt!“

Tatsächlich kehrt der Sport im Extreme Sailing zu seinen Wurzeln zurück. Die Rennen – sechs bis acht pro Tag – dauern nicht länger als 15 Minuten und werden küstennahe auf einfachen Kursen ausgetragen. Die namengebende 40 Fuß (rund zwölf Meter) langen Katamarane sind reinrassige Karbonfaser-Speedmaschinen, wendig in engen Kursen und robust genug, um hart rangenommen zu werden. Bei Windgeschwindigkeiten von 28 Knoten lassen sie sich auf bis zu 40 Knoten beschleunigen, über 70 km/h.

Seit ihrem Launch in Europa im Jahr 2006 zog die Rennserie zehntausende Zuschauer an. Zur alljährlich stattfindenden Kieler Woche erschienen im Vorjahr an drei Renntagen 80.000 Fans, zum Saison¬finale in Almería, Spanien, fast ebenso viele. Wenn die Serie ab 27. Mai erneut in sechs Ländern Station macht, könnten diese Zahlen noch übertroffen werden.

Parallelen zur Formel1

Parallelen zur Formel 1 drängen sich auf, obwohl sie Renndirektor Mark Turner relativiert. „Im Vergleich zum Motorsport sind wir noch eine kleine Nummer“, sagt Turner, Geschäftsführer von OC Events, das die Serie ausrichtet. „Aber ein paar Ähnlichkeiten gibt es zweifellos. Der fixe Kurs, die Crashes, die Fahrzeuge, mit denen schneller 2010-04-19_072917gefahren wird als normaler-weise üblich … Wir wollen aber vor allem Entertainment bieten. Damit unterschei¬den wir uns vom übrigen Segelsport. Wir sehen unsere Mission darin, mit Segel¬wettkämpfen Leute zu unterhalten.“

Dazu trägt auch ein Extra bei, für das Ecclestone und Co viel Geld zahlen würden: Jedes Boot bietet Platz für einen Pas¬sagier, für ein fünftes Crewmitglied. Mit Helm und Schwimmweste ausgestattet, besteht seine Hauptaufgabe darin, der Crew nicht im Weg zu stehen.

Hagara mag die Idee eines Passagiers: „Beim olympischen Segeln erwartet uns immer nur eine Handvoll Fans im Hafen. Eine willkommene Abwechslung, zwischendurch Leute mit am Boot zu haben.“

Vielleicht sollte man präzisieren: Hagara mag die Idee … grundsätzlich. In der Praxis des Rennens stellt sich das nicht immer angenehm dar. Als fünfter Mann musst du genauso konzentriert sein wie der Rest der Crew – und fast so beweglich. Die Stimmung an Bord eines Rennboots in voller Fahrt ist angespannt, hektisch. Jeder muss alles gleichzeitig im Blick haben, die anderen Boote, die Takelage. Das Wertvollste, was der fünfte Mann zu alldem beitragen kann, ist sein Körpergewicht – damit kann er das Boot ausbalancieren, wenn es mit einem hoch über dem Wasser fliegenden Rumpf auf dem anderen gegen den Wind kreuzt oder wenn die Extreme 40s nach den Wende¬bojen auf Vorwindkurs segeln.

Inmitten des Trubels von Segelsetzen und Dichtholen, das Olivo, Vera und Steinacher in Atem hält, verliert auch der sonst so stille Hagara seine Zurückhaltung – vorzugsweise gegenüber dem fünften Mann. „Number five – baaaack!!!“, brüllt er in heiserem Englisch mit deutlich öster¬reichischer Färbung und dann nur geringfügig leiser, jedoch ein wenig schärfer: „So you don’t know what back is?“

Speed als Obsession

Speed war schon Hagaras Obsession, als er mit vierzehn am Neusiedlersee mit dem Segeln begann. Konnte er auf der Hinfahrt vom ersten Aussichtspunkt aus am See Schaumkronen hohen Wellengangs erkennen, ließ er einen Freudenschrei los. Und gab ein Alarmsignal Sturmwarnung, legten Hagara und seine Freunde in ihren 16-Fuß-Hobie-Katamaranen ab, während alle anderen Segler auf schnellstem Weg zurück in den Hafen steuerten.

„Der Katamaran bietet dir2010-04-19_073015 die aufregendste Art des Segelns“, sagt Hagara, heute 43. „Als ich auf Einrumpfboote umstieg, schien es mir, als ob ich nicht vom Fleck käme. Im Katamaran hat man keine Zeit vorauszuplanen, jede Entscheidung muss blitzschnell getroffen werden.“

1997 traf er Hans-Peter Steinacher, damals 29, einen talentierten Athleten, der sich seine ersten Sporen als Skirennläufer verdient hatte, ehe er zum Wasser gewechselt war. Ihre sportliche Partnerschaft sollte zwei Olympia-Goldmedaillen in der Tornado-Klasse zu Folge haben, eine in Sydney, eine in Athen.

Steinachers Kraft und Geschicklichkeit verbanden sich perfekt mit Hagaras Zähigkeit und seiner Virtuosität am Ruder. Nach dreizehn gemeinsamen Jahren müssen die beiden nicht reden, um mitein¬ander zu kommunizieren. Dieses Zusammenspiel ist an Bord, wo Entscheidungen erstens permanent, zweitens schnell und drittens niemals falsch getroffen werden müssen, Gold wert.

Bugmann Vera und Trimmer Olivo, beides Veteranen mit mehreren America’s Cup-Teilnahmen, unterstützen die Österreicher. Am Boot herrscht entsprechend babylonische Sprachverwirrung: Deutsch und Spanisch werden mit gelegentlichen Befehlen auf Englisch ergänzt.

Red Bull ist Rookie in der Serie, im Oman stößt außerdem Olivo neu zum Team, er hat die Rennen in Singapur und Hongkong versäumt. Trotzdem wirkt die Choreographie am fest gespannten Trampolin gut eingespielt – so gut, dass die Red Bulls nach drei Tagen Oman in Führung liegen. Vor den beiden von Oman gesponserten Booten, die vor ihrem Heimpublikum allzu gerne gewinnen würden.

Träger Start mit rauhem Ende2010-04-19_073038

Der vorletzte Renntag beginnt träge. Unter dem unerschütterlichen Sonnenschein bewegt kein Lüftchen die bunten Flaggen, die am Al Hail Beach aufgefädelt sind, wo ein Beach-Football-Turnier und ein Breakdance-Event zusätzliche Zu¬schauer anlocken sollen. Ausländische Arbeiter in Blaumännern pendeln mit Bussen zur Großbaustelle The Wave, dem noch nicht ganz fertiggestellten Prachtbau, der heute als Rennbüro dient. Boh¬rer und Kreissägen bilden die Geräuschkulisse für die Segler, die am Jachthafen in aller Ruhe Leinen aufwickeln und Segelplanen auspacken.

Im Lauf des Morgens legt der Wind aber rasch zu – und zwar heftig. Zu Renn¬beginn ruft Renndirektor Gilles Chiorri die Flotte sogar auf, die Hauptsegel zu reffen, um die Segelfläche zu verringern. Die Windstärke liegt über 20 Knoten, und die Offiziellen haben für heute den fünften Mann gestrichen. Sogar die Crew trägt zum ersten Mal Schwimmwesten. Das Rennen ist schnell und turbulent. Die Rümpfe schießen durch das raue Wasser, die Boote wenden nur wenige Meter voneinander entfernt. Nach einem letzten Platz im ersten Rennen haben Hagara und seine Crew zwei Siege eingefahren, das vierte Rennen haben sie wieder auf dem letzten Platz beendet. Am Boot ist die Spannung mit Händen greifbar. „Da gibt heute keiner auch nur einen Millimeter nach“, kommentiert Macpherson trocken und steuert sein Boot an den äußeren Rand des Kurses. Über Funk hört er den Countdown zum Start eines Rennens, das Red Bull nicht beenden wird.

In einem rustikalen, aber doch sterilen Operationssaal des Khoula Hospital 45 Minuten von The Wave entfernt widmen sich zwei Ärzte der klaffen¬den Wunde unter Hagaras Handgelenk. 14 Stiche. Das Gesicht des Österreichers ist kalkweiß, als er mit unsicheren Schrit¬ten aus der Notfallaufnahme geht. Seine Hand hängt schlaff in einer Schlinge. „Die Verhältnisse waren okay“, sagt er auf der Rückfahrt im Auto, „ich war es, der einen Fehler gemacht hat.“

Als die Wirkung des Schmerzmittels nachlässt, verzieht Hagara das Gesicht. Es wirkt nicht gerade erhellend auf seine Stimmung, dass das Kentern dem Team die Chance auf den Sieg beim letzten Stopp der Asientour ruiniert hat.

„Natürlich haben wir vor dem Rennen gesagt, dass wir die Serie nur zum Training fahren, um uns an die Boote zu gewöhnen“, sagt er. „Aber am Ende ist keiner zum Vergnügen hier. Jeder, der hier am Start steht, ist hier, um zu gewinnen.“

Ende Mai, wenn die Extreme Sailing Series in Europa beginnt, wird Red Bull erneut antreten. Und wenn es nach Roman Hagara geht, muss die Serie nicht ganz so spektakulär verlaufen wie die asiatische.

Text: Andreas Tzortzis, Bilder: Jonathan Glynn-Smith

Erschienen im Red Bulletin (www.RedBulletin.com)



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