Wettfahrt: Der Münchhausen unter den Seglern?

Wettfahrt: Der Münchhausen unter den Seglern?

Derzeit diskutieren Segelexperten, ob die Weltumrundung des Schweizer Segelschulbesitzers Andreas von Allmen (50) tatsächlich eine Weltumrundung war. Sicher ist, dass von Allmen mit seiner 32 Fuß (9,75 Meter) langen Yacht "Insomnia" am 25. Oktober 2009 den französischen Mittelmeerhafen Port Camargue verlassen hat und dass er dort am 1. März diesen Jahres wieder angekommen ist. Das bestätigt der dortige Hafenmeister.

Zu hohe Durchschnittsgeschwindigkeit

Doch was Experten an dem Verlauf der 128-tägigen Reise zweifeln lässt, ist das extrem hohe Durchschnittstempo des Schweizers mit seiner Serienyacht. 25 744 Seemeilen habe er zurückgelegt, sagt von Allmen. Teilt man diese Strecke in 128 Abschnitte auf, ergibt sich eine Tagesleistung von 201 Seemeilen, mithin eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,4 Knoten (15,5 km/h). In den ersten Wochen der Reise lag der Durchschnitt laut den auf von Allmens Internetseite veröffentlichten Daten noch bei 5,2 Knoten, gegen Ende will er dann zeitweise 250 Seemeilen und mehr pro Tag geschafft haben, also ständig mit gut zehn Knoten gefahren sein.

"Das alles ist zu 99,99 Prozent ein Witz oder ein Schwindel", sagt Daniel Andrieu. Er zeichnet bei der französischen Werft Jeanneau für die Konstruktion der Yacht vom Typ Sun Fast 3200 verantwortlich, mit der von Allmen unterwegs war. "Ich kenne ja die Polar-Diagramme meiner Sun Fast 3200 und habe entsprechend einige Routing-Simulationen durchgeführt. Dabei wird klar: Das ist unmöglich."

Wissenschaftlicher Ansatz

Mit Polar-Diagrammen wird das Geschwindigkeitspotenzial einer Segelyacht dargestellt, das von der Stärke und dem Einfallswinkel des Windes abhängt. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist ein Segelboot nicht bei Rückenwind am schnellsten, sondern je nach Konstruktion bei halbem Wind (der genau von der Seite aufs Boot trifft) oder auf sogenannten Raumschots-Kursen, wenn der Wind schräg von hinten kommt. Eine wichtige Größe ist außerdem die sogenannte Rumpfgeschwindigkeit. Man berechnet sie nach einer komplizierten Formel - aber leicht zu merken ist eine Grundregel: Längere Boote laufen schneller durchs Wasser als kurze.

Wenige Einrumpfboote

In den vergangenen Jahrzehnten haben nur sehr wenige Einrumpfboote die Welt in weniger als 128 Tagen umrundet, sie waren ausnahmslos deutlich länger als die Sun Fast 3200. Mit ihrer nur 8,55 Meter langen Wasserlinie hat diese Yacht eine Rumpfgeschwindigkeit von 7,08 Knoten. Zwar sind Boote bei entsprechendem Wind auch oberhalb der Rumpfgeschwindigkeit zu bewegen, und eine Standard-Regattayacht wie die Sun Fast 3200 kann dank ihres Rumpfdesigns in schnelle Gleitfahrt geraten. Aber nur, wenn sie Idealgewicht hat und nicht mit Ausrüstung und Proviant für eine Weltumsegelung bepackt ist.

Von Allmen aber gibt Spitzengeschwindigkeiten bis zu 28 Knoten an. Wenn das wirklich kurzzeitig möglich sein sollte, so wäre es verbunden mit erheblicher Bruchgefahr im Boot. Selbst die in den Polar-Diagrammen verzeichneten Optimalwerte können Einhandsegler kaum über längere Zeit durchhalten, schon gar nicht in den Schlafphasen, wenn der Autopilot aktiv ist.

Kritik in Internetforen

Im Internetforum der Zeitschrift "Yacht" haben denn auch die kritischen Stimmen die Oberhand gewonnen. Viele bezichtigen von Allmen der Lüge und fordern ihn zum Vorlegen von Beweisen auf. Infrage kämen Verbindungsdaten seiner Satellitentelefonate, Funkkontakte zu anderen Schiffen oder Bilder wichtiger Landmarken. Im Interview mit dem Onlineportal segelreporter.com sagte von Allmen zu der Frage nach Fotos: "Leider ist mir das nicht gelungen. Vom Kap der Guten Hoffnung war ich zu weit entfernt, und am Kap Hoorn war es dunkel."

Mehr ist dem Schweizer Segler nicht zu entlocken. Heute will er mit Chartergästen auf seiner Yacht von Frankreich nach Griechenland aufbrechen. In seiner Segelschule läuft der Anrufbeantworter, auf das Klingeln seines Handys reagiert von Allmen nicht, und auch eine Anfrage der WELT an seine E-Mail-Adresse blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Vermehrt getürkte Wettfahrten

Die Segelgemeinde geht deshalb so kritisch mit von Allmen um, weil im vergangenen Jahr schon ein Schwindel aufgeflogen ist. Im Sommer 2009 war der 56-jährige Bauunternehmer Bernt Lüchtenborg zu einem Törn aufgebrochen, der ihn einhand und nonstop um die Welt führen sollte. Doch schon nach wenigen Meilen nahm der verheiratete Deutsche seine Geliebte an Bord. Dies verheimlichte Lüchtenborg ebenso wie eine Reihe weiterer Stopps, um seine Fahrt als Rekordreise vermarkten zu können. Erst als sich die Geliebte an die Öffentlichkeit wandte, kam alles heraus.

Trotzdem setzte Lüchtenborg die Fahrt fort, ließ sich südlich von Neuseeland aber durch ein Kreuzfahrtschiff abbergen, nachdem es angeblich zu technischen Problemen gekommen war. Die Yacht wurde später ebenfalls geborgen und instand gesetzt, Lüchtenborg nahm seine Reise von Neuseeland aus wieder auf. Derzeit befindet er sich kurz vor den Kanarischen Inseln, von wo er zu einer weiteren Weltumsegelung starten will.

Als Klassiker einer gefälschten Rekordfahrt gilt die Geschichte des Briten Donald Crowhurst. 1968 startete er bei einer Einhandregatta von England aus zu einer Nonstop-Weltumsegelung. Schon bald wurde ihm klar, dass sein Trimaran den stürmischen Gewässern am Rande der Antarktis nicht gewachsen sein würde. So kreuzte er im Südatlantik umher, teilte über Funk falsche Positionsangaben mit und ließ die Welt glauben, er sei weiter im Rennen. Sein Plan war, rechtzeitig umzudrehen und das Rennen zu gewinnen. Doch als seine im Atlantik treibende Yacht später von einer Frachterbesatzung entdeckt wurde, fehlte von Crowhurst jede Spur. An Bord gefundene Logbuchaufzeichnungen legen den Schluss nahe, dass er irgendwann den Verstand verlor und über Bord sprang. Er hatte sein Seemannsgarn so lange gesponnen, bis es riss.

Mit freundlicher Genehmigung von Weltonline