Fahrbericht Landrover Defender: Britischer Landadel

img_3069.jpgKaum ein Automobil polarisert so wie der Landrover Defender. Durch

seine seit 60 Jahren nahezu unveränderte Karosserie, ist der Defender

in den letzten Jahren mehr und mehr zum Kultobjekt geworden. Ob im

Gelände oder vor der Oper, mit dem Defender kann man sich überall sehen

lassen. Ein klassenloses Automobil, das sich quer durch alle

Bevölkerungsschichten einer zunehmenden Beliebtheit erfreut. Ob die

überarbeitete Version des Defender mittlerweile auch zum Familien- und

Alltagsauto taugt, zeigt der Praxistest bei AdriaNews.

 

Vorurteile als Kritik

Oftmals in der Kritik ist beim Defender die Sitzpositon des Fahrers, da der Sitz laut „Testberichten in Fachzeitschriften“ keine ausreichenden Verstellmöglichkeiten bietet. Um ehrlich zu sein, als ich in Neuss das erstemal in den Defender eingestiegen bin, ging es mir auch so. Meine Gedanken waren „ das wird ganz schön eng und unbequem“ auf der langen Strecke nach Kroatien.

Allerdings war ich nach einigen Kilometern auf der Autobahn überrascht, dass die Sitze sehr komod sind und auch der Bequemlichtkeit der Fahrgäste durchaus genüge getan wird. Insbesondere der oft bemängelte enge Fussraum entpuppte sich mehr als ausreichend. Auch die Sitzposition, die mich ( 19o cm/100kg), anfangs gestört hatte, stellte sich im weiteren Fahrbetrieb als nahezu optimal heraus.

 

Heizung und Lüftung

Ein grosses Manko des Defender war lange Zeit die mässige Lüftung, wenn man nicht direkt von Strassenstaub umspült sein wollte, beziehungsweise die img_3152.jpgErwärmung des grossen Innenraums an kalten Tagen. Aber auch dieses Thema gehört der Vergangenheit an. Sowohl am Grossglockner bei 5 Grad Aussentemperatur als auch in Kroatien bei über 30 Grad, konnte das Lüftungssystem durchaus angenehme Temperaturen im Innenraum schaffen. Natürlich gibt viele Fahrzeuge, die dies noch einen Tick besser können. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass der Defender nach wie vor ein Arbeitstier ist, für den es auch aufgehübschte „Strassenversionen“ gibt, die sich allerdings nur auf die Ausstattung des Innenraums beziehen. So war unser Testwagen, mit Leder, Sitzheizung, Klima etc., also mit fast allen Optionen versehen.

 

Neuer Motor

Mit dem neuen Common-Rail Dieseltriebwerk, adaptiert vom Ford Transit, ist endlich eine Motorisierung für den Landy gefunden worden, die sehr gut zur Charakteristik des Fahrzeuges passt. Viel Drehmoment von unten, das im Gelände für den notwendigen Vortrieb sorgt, im Strassenverkehr flüssiges Mitschwimmen ermöglicht und auf der Autobahn, dank lang übersetztem 6-tem Gang, entspanntes Cruisen bei Tempo 120km/h garantiert.

In einem img_3151.jpgDrehzahlbreich bis 2.500 rpm halten sich die Geräusche durchaus im Hintergrund, so dass man sich ohne Probleme in normaler Lautstärke unterhalten kann. Darüber hinaus wird der Landy ein bischen bockig. Er gibt deutlich zu verstehen, dass er höhere Drehzahlen nicht mag. Verbrauchstechnisch ist dem Euro 4 Motor auch nichts Böses anzuhängen. Bei Autobahnfahrt mit Tacho 120-130 km/h liefen rund 11 Liter auf 100km durch die Common-Rail Leitung des Selbstzünders.

Im Normalbetrieb auf der Landtstrasse zeigte unser Durchflussmesser als niedrigsten Wert 8,74 Liter Diesel an. Für ein Gefährt mit über 2000 kg Leergewicht und 90 kw sind das sehr ordentliche Werte. Die CO/2-Emission liegt dabei um ca 10% niedriger als die des einzig vergleichbaren Modells am deutschen Markt, dem Mercedes G.

Was fehlt ist noch ein Partikelfilter, aber auch hier soll, nach Informationen aus Landrover-Kreisen, bereits an einer Lösung gearbeitet werden.

 

Den Defender „erfahren“

In Bezug auf das Fahrverhalten, kann man dem Landy aus Geländewaimg_3149.jpggenperspective nichts Negatives nachsagen. Der Geradeauslauf war ordentlich, die Spurtreue, auch in scharfgefahrenen Kurven gegeben. Die Lenkung ist weniger direkt als bei einem PKW, aber nicht gefühllos. Ich denke für viele Tester und auch Umsteiger auf einen Defender zeigen sich in einer ersten Phase viele scheinbare Unzulänglichkeiten, wie schwergängige Kupplung, schwammige Lenkung, weiche Bremsen,weil sie ein richtiges Automobil, ohne die vielen elektrischen Helferlein, lange nicht mehr gefahren haben.

Hat man sich allerdings erst einmal daran gewöhnt, in einem Auto zu sitzen, dessen Konstruktion über 60 Jahre zurückreicht und sich somit auch noch wie ein Auto anfühlt, kommt das Gefühl für den Wagen wie von selbst. Es ist vielleicht ähnlich einer Liebesbeziehung, nur dass man bereits zu Beginn um die Eigenheiten des Partners weiss. Von meinem Standpunkt aus muss man den Defender wirklich „erfahren“ um die Qualitäten des britischen Urgesteins schätzen zu lernen.

 

Der Familientest

Um die Familentauglichkeit des Landy zu testen, wurde meine komplette Familie, inclusive Schwiegermutter, meiner neun Monate alten Tochter Sophia und viel,viel Gepäck am Flughafen in Frankfurt in den Defender hineingepackt. Neben vier grossen Koffern, waren dies noch drei Reisetaschen, ein Kinderwagen, eine Babywanne, eine Kühltasche, mein Pilotenkoffer und Spielzeug für meine Tochter. Damit war der Landy bis zum Dach vollgeladen. Aus Sicherheitsgründen hatte ich vorher ein Gepäckgitter angebracht, damit im Fall des Falles nichts passiert. Negativ aufgefallen ist mir bei dieser Aktion, dass man die beiden Sitze hinten zwar zu Seite klappen kann, aber dennoch viel Platz verloren geht. Ich persönlich würde hier die „Cargo-Version“ ohne hintere Sitze bevorzugen, oder aber die hinteren Sitze komplett ausbauen. Landrover sollte an dieser Stelle über ein „Fast-Remove-System“ für die hinteren Sitze nachdenken.

 

Entspanntes Gleiten auf der Autobahn

Von Frankfurt starteten wir bei 32 Grad Luftemperatur vollbeladen in Richtung Kroatien. Also auf dem „Lieblingsterrain“ des Defender schlechthin. Schlecht war img_3155.jpgmir auch, als ich die 1000 km auf dem Navigationgerät vor mir sah. Eigentlich an einen flotten Audi gewöhnt und jetzt mit 90 kw und geschätzten 2,7 Tonnen in Richtung Süden unterwegs. Erste positive Überaschung: Der Wagen heizt sich dank gerader Glasflächen nicht so auf wie mein Audi. Die mechanische Klimaanlage funktioniert einwand-, wenn auch nicht ganz zugfrei. Dadurch positiv eingestimmt geht es auf die Autobahn. Ich sehe mich schon am rechten Fahrstreifen zwischen den LKW´s dahinzockeln. Aber: Zweite Überraschung, weit gefehlt. Der Defender beschleunigt verhältnismässig flott auf Tempo 120. Im 6-Gang stellt sich bei diesem Tempo ein entspanntes Cruisen ein, das zumindest mir die Hektik der Autobahn nimmt. Überholmanöver im 6-ten Gang zwischen 100 und 120 km/h sind aufgrund der Durchzugsstärke des Motors kein Problem. Auf einmal ist es egal wieviele Fahrzeuge an einem vorbeiziehen, man fährt entspannt auf der rechten Spur. Anfangs schaut meine Tochter noch neugierig aus Ihrem Kindersitz in die Umgebung. 50 kilometer weiter hat der Schlaf sie übermannt, weitere 100 Kilometer danach ist auch der Rest der Familie in den absoluten Ruhezustand gefallen. Soweit zum Lärmpegel des Defender.

 

Akzeptabler Verbrauch

Kurz hinter der Grenze nach Österreich, wurde nicht nur der obligatorische „Pickerlstopp“ eingelegt, auch meine Fahrgäste und der Landy verlangten nach Nahrung. Nach unserem Durchflussmesser hatten wir 11,3 Liter auf 100 Kilometer für diesen Streckenabschnitt gebraucht. Von nun an geht’s aufwärts. img_3075.jpgTauern und Katschberg sind auf dem Weg in den Süden zu überwinden.

122 PS/2,7 Tonnen, da kommt mir die Quälerei mit meinem alten VW-Bully (50 PS) in den 80-gern über den Brenner schlagartig in den Sinn. Fahrgäste wieder verstaut und auf geht´s. An den langen Steigungen gelingt es dem Defender mich ein weiteres mal positiv zu überaschen. Die, teilweise in diesem Bereich, auf 100km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit hält er nach GPS-Messungen spielend, auch bergauf. Ebenso fühle weder ich mich, noch meine Familie sich, auf dem Landrover Gestühl unwohl, obwohl schon über 450 Kilometer hinter uns liegen.

Fünf Stunden und zwei weitere Pausen später hatten wir unser Ziel, Porec in Kroatien, erreicht. Fazit des ersten Testabschnitt´s: Der neue Defender ist zwar keine Reise-Limousine auf dem Niveau eines Audi A6, aber durchaus langstreckentauglich, wenn man den Landy auf der Autobahn im 6-ten Gang gleiten lässt. Der Durchschnittsverbrauch für die Strecke Frankfurt- Porec lag bei exact 11,13 Liter/100km. Ein akzeptabler, wenn nicht guter Wert.

 

Panoramablick inclusive

In den nächsten beiden Wochen standen Besichtigungen und Kurzausfüge auf dem Programm. Aber auch der Badespass sollte nicht zu kurz kommen. Egal wohin wir auch fuhren, es machte einfach Laune mit dem Defender Küste und Hinterland Kroatiens zu erkunden. Einerseits hat man mit der erhöhten Sitzposition einen Panoramablick rundum (man sitzt im Defender so hoch, dass auch z.B.: ein VW Touareg kein Sichthindernis mehr darstellt), andererseits kommt das Fahrwerk auch mit den manchmal wirklich baufälligen Strassen, abseits der Touristenrouten ohne Probleme klar. Gewöhnungsbedürftig ist allerdings der riesige Wendekreis des Defender. Damit ist er nicht unbedingt ein idealer Stadtwagen. Auch sollte man in Einkaufszentren immer nach einem etwas grösserem Parkplatz Ausschau halten, um sich die Rangiererei etwas zu erleichtern.

 

Protest der anderen Art

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Eine besondere Meinung möchte ich ihnen zum Schluss nicht vorenthalten. Meine Tochter Sophia war nach einigen Tagen „Landy-Fahrens“ nicht mehr in unseren Audi zu bekommen. Kaum auf dem Kindersitz im Audi festgeschnallt, ging ein Geplärre los, das sich nur Eltern vorstellen können. Etwas genervt den Kindersitz wieder aus dem Audi raus, in den Defender eingebaut, Tochter angegurtet und siehe da: ein mehr als zufriedener Gesichtsausdruck zeichnet sich auf dem Antlitz meiner Tochter ab. Dabei hatte es bis zu unserem Defender-Test noch nie ein Problem mit meiner Tochter hinsichtlich Autofahren gegeben.

 

Fazit

Der Landrover Defender ist mittlerweile zu einem richtigem Familien- und Alltagsauto herangewachen, ohne allerdings seine Wurzeln zu verleugnen. Man hat mit dem Defender sozusagen ein echtes MPV (Multi Purpose Vehicle), das umwelttechnisch den Euro 4 Standard erfüllt und dessen Verbrauch in Bezug auf Gewicht und CW-Wert sich durchaus in Grenzen hält. Abstriche muss der Landy lediglich in der Wendigkeit und Rangieren hinnehmen. Dass keine Airbags lieferbar sind, stört mich persönlich nicht. Störend dagegen finde ich den verhälimg_3161.jpgtnismässig hohen Preis des Defenders. Für unser getestetes Modell müssen 41.500.- Euro den Besitzer wechseln. Das ist viel Geld für ein Auto, dessen Ursprünge in den 40-igern liegen. Zu Ehrenrettung sei aber erwähnt, dass der Landy in einfacheren Ausstattungsvarianten bereits ab knapp 25.000.- Euro bei den Händlern steht.

Der Wertverlust spielt beim Defender so gut wie keine Rolle. Als Gebrauchter ist er über Jahrzehnte einer der wertbeständigsten Wägen überhaupt. Nach Angaben von Landrover sind noch über 75 % aller jemals gebauten Defender im Dienst. So darf man hoffen dass, das Urgestein aus dem Hause Landrover noch lange bleibt was es ist: Ein Automobil mit Charakter.

 

 

Der Autor war über lange Jahre bei Europas grösstem

Automobilkonzern als Manager in leitender Funktion tätig.



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