Mann über Bord - der Albtraum der Seefahrer

kaz_ii.jpgWer auf hoher See über Bord geht, hat sehr geringe Überlebenschancen. Das rätselhafte Verschwinden einer Jachtbesatzung vor Australien ist nicht der einzige Vorfall dieser Art im Wassersport. Auch an deutschen Küsten kommt es immer wieder zu solchen tragischen Ereignissen. Click here to find out more! Jeder Seefahrer fürchtet sich vor dem Alarmruf: "Mann über Bord!" Obwohl es eindeutige Vorschriften für diesen Notfall gibt, kommt es immer wieder zu Tragödien, wenn Besatzungsmitglieder in Panik oder Unkenntnis die falschen Schritte unternehmen, um den Verlorenen zu retten. Ob die Besatzung des australischen Katamarans Kaz II, die vor wenigen Tagen spurlos verschwand ("Adria-News" berichtete am 22. April), ebenfalls während einer misslungenen Rettungsaktion über Bord ging, ist noch unklar. Inzwischen wurden die Sucharbeiten nach den drei Männern, die allesamt erfahrene Segler sein sollen, eingestellt. Ihre Familien wollen aber nicht aufgeben und kündigten an, auf eigene Faust weiter zu suchen. Bei gutem Wetter waren der 67-jährige James Tunstead und zwei Freunde seines Alters zu einem zweiwöchigen Segeltörn aufgebrochen.

Dann waren sie ohne Notruf verschwunden. Rettungskräfte fanden ihr Boot mit geringen Schäden vor, in der Kajüte war der Tisch gedeckt, das Radio lief, die Bordelektronik funktionierte, und die Seenotausrüstung war unberührt. Nichts deutete bisher darauf hin, warum drei gesunde Männer von Bord gegangen waren.

"Es kommt auf See immer wieder zu Zwischenfällen, die nicht aufklärbar sind", sagt Antke Reemts von der Deutschen seenotkreuzer.jpgGesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Auch die deutschen Seenotretter haben in der Vergangenheit häufig treibende oder gestrandete Jachten gefunden, deren Besatzung fehlte. So auch am 6. August 2001: Ein 18-Jähriger wollte mit seinem sieben Meter langen Boot von der Insel Helgoland zur niedersächsischen Küste segeln, kam aber nie an. Drei Tage lang suchten Seenotkreuzer nach ihm, fanden aber nur noch Trümmer der Jacht. Berühmt ist der tragische Fall des Rettungskreuzers "Adolph Bermpohl" vor 40 Jahren: Von seiner Station Helgoland aus steuerte das Schiff am 23. Februar 1967 im Orkan zu einem havarierten niederländischen Fischkutter, um die Besatzung mit dem Tochterboot zu bergen. Das gelang zwar, doch auf dem Rückweg verschwanden die "Bermpohl" und ihr Beiboot spurlos in der Sturmnacht. Einen Tag später wurden das beschädigte Schiff und sein Tochterboot treibend auf See gefunden, weder die Fischer noch die Rettungsmänner waren an Bord. Bis heute ist dieses tragische Unglück nicht restlos aufgeklärt. Es wird angenommen, dass eine gewaltige Welle den Seenotkreuzer auf sein neben ihm fahrendes Tochterboot drückte und dabei die Seeleute über Bord spülte. Sieben Menschen starben bei der Katastrophe. Jeder Unfall auf See verläuft anders und hat andere Ursachen. Oftmals führt erst die oft zitierte Verkettung unglücklicher Umstände zur Katastrophe. In der nachträglichen Analyse ist oft schwer zu glauben, wie aus scheinbar kleinen Zwischenfällen verzweifelte Notlagen entstehen konnten. "Unter den Einwirkungen von Seekrankheit und schwerem Wetter kommt es bei Seglern oft zu Fehleinschätzungen, Panik oder Resignation", sagt Dr. Joachim Heße vom Deutschen Kreuzer Yacht-Club. Der erfahrene Segler war selbst schon in Situationen, "in denen man aus Verzweiflung am liebsten über Bord springen möchte". Auch Panikanfälle hat er schon erlebt. Bei elf Windstärken in die Rettungsinseln Heße erinnert auch an das Fastnet Race 1976: Im Sturm auf dem Atlantik funkten damals fünf Boote Seenot, die Mannschaften gingen bei elf Windstärken, also schwerem Sturm, in die Rettungsinseln. Doch rettungsinsel_einstieg.jpgwährend die verlassenen Jachten das Unwetter sämtlich überstanden, ertranken zwei der Besatzungen. "Ich würde ein stark beschädigtes Boot immer einer Rettungsinsel vorziehen", sagt Heße, der auf Seenotübungen schon den Ausstieg geübt hat. Die niedrige Konstruktion sei dunkel und ein hilfloser Spielball von Wind und Wellen. Auch menschliches Versagen ist oft mit im Spiel, wenn Wassersportler in Not geraten: "Sechs bis acht Menschen sterben jährlich auf See, weil an Bord einfach nicht richtig reagiert wurde", sagt Heße. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich 2005 vor der Insel Fehmarn: Ein Ehepaar, das seit Jahrzehnten gemeinsam segelte, war unterwegs, als der Skipper aus unbekannten Gründen über Bord ging. Da der Mann gewohnheitsmäßig die Manöver auf dem Boot gesteuert hatte, beherrschte seine Gattin die richtigen Handgriffe nicht und konnte auch das Funkgerät nicht bedienen, sagt Heße. Sie sei in Panik geraten und konnte erst vier Stunden später eine andere Segeljacht durch Winkzeichen alarmieren. So kam es, dass die Seenotretter zu spät und an der falschen Stelle suchten. Der Mann war zu diesem Zeitpunkt bereits ertrunken. Heße ist sicher, dass solche Unfälle durch bessere Vorbereitung vermieden werden könnten. "Wir haben in Deutschland den höchsten Sicherheitsstandard, doch das Interesse der Segler an Trainings ist erschreckend gering", kritisiert der Arzt. Zu schnell würden viele den Respekt vor der Natur verlieren.  Auch kriminelle Motive können die Ursache für vermeintlich rätselhafte Schiffskatastrophen sein: "Jemand könnte zum Beispiel seinen Tod vortäuschen, um die Lebensversicherung zu betrügen", sagt Holger Flindt, Geschäftsführer von Marine Claim Service. Das Unternehmen ermittelt für Assekuranzen in zweifelhaften Jacht-Schadensfällen. Unter diese Kategorie fällt der Brand eines umgebauten Kutters aus Hamburg: Auf einer Seereise brach Feuer an Bord aus, einer von drei Männern verschwand spurlos. "Der Vermisste konnte erst Jahre später in Thailand gestellt werden", sagt Flindt. Auch im Fall des Katamarans "Kaz II" sei der Verdacht auf ein solches Verbrechen zumindest nicht völlig unbegründet. Wie das Buch "Yachtunfälle"  mit 120 Fallstudien zeigt, ist es oft gefährlicher, ein Boot im Sturm zu verlassen, als an Bord zu bleiben. "Jachten sind meistens stärker als ihre Besatzung", schreibt der Autor Joachim Schult. 



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