Monte Negro- Eine Perle an der Adria

James Bond sei Dank: Seit dem Poker im "Casino Royale" macht das vergessene Urlaubsland wieder von sich reden. "Mit diesem Säbel wurden 18 Türken erschlagen", lächelt der Führer im König-Nikola-Museum von Cetinje. Das kleincetinj_museum1.jpge Montenegro habe dem Osmanischen Reich 500 Jahre lang Widerstand geleistet. „Wir sind eben ein tapferes Volk." Die Zeiten ändern sich. Heute ist Mut ganz anderer Art gefragt. Nach der Trennung von Serbien durch eine Volksabstimmung im Mai 2006 muss der neue Ministaat mit bloß 630000 Einwohnern aus eigener Kraft weiterstrampeln. Mangels sonstiger Devisenbringer geht es primär darum, der angeschlagenen Tourismuswirtschaft wieder neues Leben einzuhauchen.

Bis 1989, als Titos Jugoslawien noch brav zusammenhielt, genossen alljährlich fünf Millionen Touristen die montenegrinische Sonne. 2006 war ihre Zahl auf 750000 Besucher zusammengeschrumpft, davon gut 90 Prozent aus Serbien, Kosovo, Bosnien. Nationale Bürgerkriege, UN-Embargo und Nato-Bomben hatten die Auslandsgäste verschreckt und vertrieben.

Zum Glück sind die Voraussetzungen für einen zwar späten, aber glanzvollen Neustart geradezu ideal. Das Ländchen zwischen Kroatien und Albanien scheint prädestiniert für eine touristische Bestsellerkarriere. Es besitzt buchstäblich alles, was ein Ferienziel gut verkaufen kann - Meer, Gebirge, Kleinstädte voller Kunst und montenegro_2.jpgPoesie, sogar eine grüne Tiefebene, in der die Hauptstadt Podgorica liegt. Die 293 Kilometer lange Küste gilt zu Recht als schönste und reinste des Mittelmeeres. Mit den Nationalparks Durmitor und Lovcen hat Montenegro zwei grandiose Gebirgsregionen, mit der Tara-Schlucht den tiefsten Graben Europas, mit der Bucht von Kotor den längsten Fjord der Adria, mit dem Skutarisee das größte Binnengewässer und Vogelreservat des Balkans. Als Draufgabe offeriert es einen stattlichen Urwald und den nachweislich ältesten Ölbaum der Welt.

Was vorerst noch fehlt, ist ein wenig mehr an topmoderner Infrastruktur. Immerhin, das Gros der einstigen Staatshotels wurde bereits privatisiert, internationale Hotelketten wie Hilton, Sheraton und Iberostar investierten im großen Stil. Rund 20 Prozent der Herbergen entsprechen nun wieder den Anforderungen der westlichen Reiseunternehmer. Der eben fertig gestellte Riesenkomplex des „Splendid" in Becici bei Budva dürfte weltweit zu den größten Privatinvestitionen zählen. Dass sich die Aufbauarbeit fast ausschließlich auf die Küstengegend konzentriert und das faszinierend schöne Hinterland vernachlässigt, kommt nicht von ungefähr, denn Touristen wollen in erster Linie Sonne, Sand und Meer genießen. Schließlich haben sie Gebirge oft vor ihrer eigenen Haustür, etwa in Tirol oder Bayern. Nur in Montenegro dagegen stehen 73 Kilometer Fels- und Schotterstrände zur Wahl, weißer Sand und schwarzer Sand, roter Kies und gelber Kies. Historische Stadtkerne wie jene von Budva, Herceg Novi, Kotor samt engen Gassen, Boutiquen und Cafés bitten zum entspannten Bummel. Doch wo bleibt bei alledem der typische „Balkan" mit bunten Märkten, Frauen in Pluderhosen, Männern mit dicken schwarzen Schnurrbärten? Reste davon sind zunächst in Ulcinj hart an der albanischen Grenze zu bestaunen. In dieser südlichsten ulcinj_1.jpgStadt Montenegros singt wie eh und je der Muezzin, am Freitagsmarkt werden gelegentlich noch traditionelle Stickereien und Kupferkannen feilgeboten. Bei genauerem Hinhören und Hinsehen freilich ist der authentische Balkan überall bemerkbar. Er lebt in der selbstverständlichen, völlig unaufdringlich dargebotenen Gastfreundschaft, im Diensteifer der Kellner, in den verstohlenen Hinweisen zufälliger Gesprächspartner auf Schwarzmarktgeschäfte scheinbar ehrenwerter Politikerclans und geheimnisvoller Schmuggelboote in Neumondnächten am Skutarisee. Die Lust an Geschichten von verwegenen Banditen, edlen Räubern Marke Robin Hood, übermächtigen Aggressoren und heroischen Verteidigern ist ungebrochen. Noch immer sehen die Montenegriner ihre Heimat als „Land hinter Gottes Rücken", das benachteiligt, unbeschützt und auf sich selbst angewiesen ist.

Der Besucher tut gut daran, die Nationalhelden seiner Gastgeber nicht sogleich ins Reich der Mythen und Legenden abzuschieben. Landesweit verehrt, sind sie der Schlüssel zum besseren Verständnis des jüngsten europäischen Staates und dessen touristischer Kuriosa. An Petar II. Petrovic Njegos zum Beispiel führt kein Weg vorbei. Er herrschte als Fürst und Metropolit von 1830 bis 1851. Was für ein schöner Mann er war! Seine stattliche Zwei-Meter-Gestalt, festgehalten auf zahllosen Gemälden, imponiert gleichermaßen im kirchlichen Ornat wie in der petarii_mausoleum.jpgLandestracht mit Schärpe und Revolver. Obwohl Autodidakt, parlierte er in fünf Sprachen, reiste nach St. Petersburg und Paris. In Wien bestellte er bei der Firma Carl Knill ein schweres Billardmöbel, das auf steilen Eselspfaden in die damalige Hauptstadt Cetinje geschleppt werden musste. Vor allem aber war er ein Dichter. Mit seinem historischen Roman „Bergkranz" gelang ihm eines der ersten romantischen Kultbücher Europas. Dass er früh starb, verlieh seiner Aura den letzten Schliff. Schon dem Tode nahe, ließ sich Njegos noch einmal in die geliebten Berge tragen und wies auf die Stelle, wo er begraben sein wollte. Und tatsächlich, da liegt er nun und empfängt die Touristen, knapp unter den Wolken in einem bombastischen Mausoleum am zweithöchsten Gipfel des Lovcengebirges. Die vorgeschlagene Stelle am höchsten Punkt hatte er abgelehnt: „Der Platz über mir bleibe einem Würdigeren reserviert." Auch an König Nikola I. kommt der Tourist unmöglich herum. Unter ihm war Cetinje sehr fein dran. Nikola jagte die Türken endgültig davon, erreichte auf dem Berliner Kongress 1878 die Unabhängigkeit Montenegros und bezeichnete sich gern als „Schwiegervater Europas", weil seine bildhübschen Töchter in die Herrscherfamilien Italiens, Russlands, Britanniens und Serbiens einheirateten.

cetinje_palace_1.gifWie gemütlich jene kurze Operettenzeit war, ist leicht nachzuempfinden. Das Zentrum Cetinjes mit Nikolas solide-bürgerlicher Villa wirkt wie ein zu Ehren gekommener Dorfanger. Lindenbäume, Bänke für die Alten, viel Platz für Kinder. Ein paar Schritte weiter, im Grün einstmals gepflegter Gärten, vergammelt die Eleganz von ehedem, mit Freitreppen, Steinfiguren, Marmorsäulen. Hier langweilten sich 13 ausländische Gesandte. Der russische und der italienische spielten jeden Freitag Schach miteinander.Der Erste Weltkrieg beendete die Idylle. Beim Anmarsch der Österreicher 1915 versperrte Nikola seine bescheidene Residenz, angeblich eigenhändig, und setzte sich nach Paris ab. Für den Rest des Jahrhunderts war es mit der Souveränität Montenegros vorbei. Nicht so mit der robusten Seele seiner Bewohner. Klar wird das beim Abschiedsbesuch in Kotor, der anerkannt schönsten Adriastadt südlich von Dubrovnik. Dicke Festungsmauern, vier Bilderbuchkirchen, lebhaftes Feilschen am Obstmarkt, Gedränge auf allen Plätzen, miauende Katzen in jedem Winkel. Fröhlicher könnte sich ein Unesco-Weltkulturerbe kotor_6.jpgunmöglich präsentieren. Nur noch in Hinterhöfen erinnern Mauerrisse an das grausame Erdbeben vom Ostersonntag 1979. Damals verwandelte sich innerhalb von neun Sekunden das steinerne Altstadtensemble in einen Trümmerhaufen. Kein ausländischer Beobachter hielt den Wiederaufbau für möglich. Doch schon knappe vier Jahre später konnten die evakuierten Bewohner in ihre sorgsam instand gesetzten Häuser zurückkehren. Mit Katastrophen welcher Art auch immer sind die Montenegriner einfach nicht kleinzukriegen.

Inge Santner

Rheinischer Merkur



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