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Monsterwellen: Riesen der Meere
Riesenwellen, die sich Dutzende von Metern auftürmen und große Schiffe wie Spielzeug zerschmettern, wurden einst für Seemannsgarn gehalten. Doch Satelliten der Esa haben jetzt den Beweis geliefert:
Es gibt die ungeheuren Wogen, und zwar weit öfter als gedacht. Mehr als 200 Supertanker und Containerschiffe, allesamt mehr als 200 Meter lang, sind nach Zahlen der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in den vergangenen 20 Jahren auf den Weltmeeren gesunken. Einige von ihnen könnten so genannten "Freak Waves" zum Opfer gefallen sein: Riesenwellen, die Höhen von 30, manchmal auch 50 Metern erreichen können - das zumindest berichteten Seeleute, die eine Begegnung mit einem solchen Monster überlebt haben.
Kreuzfahrtschiff in Monsterwelle
So wurde etwa Kreuzfahrtschiff "Queen Elizabeth II" im Februar 1995
während eines Hurrikans im Nordatlantik von einem 29-Meter-Brecher
erwischt. Kapitän Ronald Warwick berichtete anschließend von einer
"riesigen Wasserwand", die gewirkt habe wie die weißen Klippen von
Dover. Kurz zuvor hatte eine "Freak Wave" die Nordsee-Bohrinsel
"Draupner" getroffen. Ein Lasermessgerät an Bord stellte eine Höhe von
26 Metern fest.
Im Südatlantik traf es Ende Februar 2001 binnen einer Woche gleich zwei
Kreuzfahrtschiffe, die "Bremen" und die "Caledonian Star". In beiden
Fällen durchschlugen Riesenwellen die Fenster der Kommandobrücken, die
30 Meter über der Wasseroberfläche liegen. Die "Bremen" trieb zwei
Stunden lang ohne Antrieb und Navigationssysteme auf hoher See.
Riesenwellen sind eine Alltagserscheinung "Die beiden Vorfälle
ereigneten sich weniger als tausend Kilometer voneinander entfernt",
erklärt Wolfgang Rosenthal, Wissenschaftler am GKSS Forschungszentrum
in Geesthacht. "Bei der 'Bremen' fiel die komplette Elektronik aus,
während sie parallel zu den Wellen im Wasser trieb. Während des
Ausfalls dachte die Mannschaft schon, dass vielleicht ihr letztes
Stündlein geschlagen haben könnte."
Überlagerungseffekt als Ursache
Das gleiche Phänomen könne für den Untergang vieler Schiffe verantwortlich sein, glaubt der Forscher. "Im Durchschnitt sinken jede Woche zwei große Schiffe. Aber die Ursachen werden nie so gründlich untersucht wie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz - es heißt dann immer nur 'schlechtes Wetter'." Zwar sind Wissenschaftler angesichts zuverlässiger Messungen wie denen von der "Draupner" inzwischen davon überzeugt, dass es die Monsterwellen tatsächlich gibt. Allerdings zeigten bisherige Statistiken, dass große Abweichungen vom normalen Seegang äußerst selten sind und im Schnitt nur alle 10.000 Jahre vorkommen.
Zehn Monster in zwei Wochen
Das erscheint nun zunehmend fraglich. Neuere Daten beweisen, dass die
Ungetüme der Meere wesentlich häufiger vorkommen. Radardaten aus dem
Nordsee-Ölfeld Goma etwa zeigten laut Esa 466 Monsterwellen in zwölf
Jahren. Noch genauere Ergebnisse lieferten jetzt die beiden
ERS-Radarsatelliten, die seit 1991 bzw. 1995 die Erde umrunden und
deren Daten nun für das EU-Projekt "MaxWave" genutzt wurden.
Das Synthetic Aperture Radar (SAR) der Zwillingssatelliten ERS-1 und
ERS-2 nahm in Abständen von 200 Kilometern kleine Ausschnitte der
Ozeane von zehn mal fünf Kilometern auf und ließ die Berechnung von
Wellenenergie und -richtung zu. Die Ergebnisse waren erstaunlich:
Allein innerhalb von drei Wochen Anfang 2001 tauchten weltweit zehn
Monsterwellen auf, die 25 Meter oder höher waren.
"Wir haben damit bewiesen, dass es sie gibt, und zwar deutlich öfter
als bisher vermutet", sagt Rosenthal. "Im nächsten Schritt wollen wir
nun analysieren, ob sie sich auch vorhersagen lassen." Das
ERS-Bildmaterial soll dazu in ein Forschungsprojekt namens "WaveAtlas"
einfließen, der das Auftreten von Riesenwellen auf der ganzen Welt
aufzeichnet.
"Nur Radarsatelliten können uns das Datenmaterial liefern, das wir für
eine solide statistische Analyse der Weltmeere brauchen", erklärt
Susanne Lehner von der University of Miami, die zusammen mit deutschen
Forschern den "WaveAtlas" erstellt. "Anders als normale Fotosatelliten
funktionieren die Radarsatelliten auch dann noch, wenn es dunkel oder
bewölkt ist. Bei stürmischem Wetter sind sie die einzige Möglichkeit,
an brauchbare Daten zu kommen."
Ersten Erkenntnissen zufolge bilden sich die Riesenwellen meist an Stellen, an denen "normale" Wellen auf Meeresströmungen und Wasserwirbel treffen. Die Strömung bündelt die Wellenenergie, so dass immer größere Wellen entstehen. Besonders gefährlich ist demnach die Ostküste von Südafrika, wo der berüchtigte Agulhasstrom fließt. Auch der Golfstrom im Nordatlantik könne Monsterwellen verursachen, wenn er mit Wellen aus der Labradorsee zusammentreffe.
Mehrere Theorien zur Entstehung
Allerdings könnten die ungeheuren Brecher auch ganz zufällig entstehen,
etwa im Zusammenspiel mit Wetterfronten und Tiefdruckgebieten.
Insbesondere langlebige Stürme, die länger als zwölf Stunden andauern,
bergen den Forschern zufolge die Gefahr von "Freak Waves". Trifft
starker Wind auf eine Welle, die sich mit der exakt gleichen
Geschwindigkeit bewegt, könne sich die Welle immer weiter aufschaukeln
- bis zur Höhe eines zehnstöckigen Hauses. Einer anderen Theorie
zufolge entstehen Riesenwellen durch einen Überlagerungseffekt: Wird
eine langsame Welle von mehreren schnelleren eingeholt, können sich die
Wogen zu einem wahren Wasserberg addieren.
Die Tatsache, dass die Monsterwellen viel häufiger auftreten als bisher
gedacht, dürfte Schiffsbauer und Betreiber von Bohrplattformen vor
erhebliche Probleme stellen. Denn nach aktuellen Sicherheitsrichtlinien
sind Ozeanriesen und Plattformen nur für Wellen bis maximal 15 Meter
Höhe ausgelegt.
EP/AN mit Material von Spiegel und GKSS
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