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Tunnelprojekt: CSSR plante Tunnel an die Adria

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 Was man will, das hat man selten. Den ewigen Drang ans Meer vermochten die Tschechen und Slowaken, beide Binnenlandbewohner, nie richtig zu stillen. Da helfen weder hohe Gipfel, noch weite Wälder, rollende Ebenen oder grüne Auen im eigenen Land, wenn die salzigen Wellen in unerreichbarer Ferne an den Strand oder gegen schroffe Klippen schlagen.

Auch den Bürgern der früheren Tschechoslowakei wurde der freie Blick aufs Meer dummerweise durch hohe Gebirgszüge und lästige Nachbarn verstellt. Dazu war das Reisen durch die sozialistischen Bruderländer, um am Ende an die (damals) jugoslawische Küste zu gelangen, eine aufreibende Sache.

Also wollten, wie man nun herausfand, zu sozialistischen Zeiten Prags findige Ingenieure mittels einer verblüffend einfachen Lösung zum ersehnten Meer kommen: Ein 410 Kilometer langer Tunnel sollte Böhmen mit der Adria verbinden.

 

Eigene Insel mit Hochseehafen

Die tschechische Zeitung „Lidove Noviny“ hat diese Woche mit 34-jähriger Verspätung die im Archiv der Prager Universität aufgestöberten Pläne veröffentlicht, die im heutigen Tschechien und an der Adria für Verblüffung sorgen: Unter Federführung von Professor Karel Zlabek hatten Tunnelspezialisten der Prager Universität 1975 das ambitionierte Projekt ausgetüftelt, das der Tschechoslowakei nicht nur zu einem Meereszugang, sondern sogar zu einer eigenen Insel mit Hafen verhelfen hätte sollen: Mithilfe des Aushubs des großteils unter Österreich gegrabenen Tunnels sollte vor Istrien die künstliche Insel „Adriaport“ entstehen. Durch das All segelten Anfang der 70er Heerscharen amerikanischer „Apollo“- und sowjetischer „Sojus“-Astronauten. Und auch im Land der Schoko-Oblaten, des Kräuterlikörs „Becherovka“ und des Verwandlungskünstlers „Pan Tau“ schien damals nichts mehr unmöglich.

Von Budweis nach Koper in zwei Stunden Im südböhmischen Budjovice (Budweis) nördlich von Linz sollten mit Frachtgütern und Touristen beladene Hochgeschwindigkeitszüge unter der Erde verschwinden – und nach etwa zwei Stunden flotter Röhrenfahrt in Höhe des heute slowenischen Hafens Koper an die Küste gelangen.

Die tschechische Unterhöhlung blieb Nachbar Österreich schließlich jedoch erspart. Und zwar nicht nur wegen politischer Hindernisse, sondern auch wegen der exorbitanten Kosten wurde der Plan nie verwirklicht. Doch technisch machbar sei dieser schon, beteuern nun Prager Tunnelbauexperten gegenüber heimischen Medien. Die Nachricht des nie gegrabenen Tunnels von Böhmen zum Meer, von der verschwundenen Tschechoslowakei ins zerfallene Jugoslawien, hat in dessen von Krisen geschüttelten Nachfolgestaaten zumindest wieder einmal etwas Heiterkeit ausgelöst.

 

Streit um Seegrenzen

Vermisst werden die böhmischen Tunnelbaukünste an der Adria jedoch kaum: Wenn der Tunnel tatsächlich gebaut worden wäre, müssten sich heute Slowenen und Kroaten auch noch mit Tschechen und Slowaken über den genauen Verlauf ihrer Seegrenze streiten, gibt ein Leser der Website der kroatischen Zeitung „Jutarnij List“ zu bedenken. Die Tunnelröhre hätte aber auch „das Ende eines Kults“ bedeutet, weist ein weiterer Internet-Poster auf ein vor allem von Kroaten lieb gewonnenes sommerliches Phänomen hin: Tschechen, die sich verfahren haben – und das Meer suchen.

 

 

Mit freundlicher Genehmigung "die Presse", Wien

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