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Italien: Chioggia, Neapel des Nordens

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Venedig ist die Grande Signora der Adria. Doch über das seichte Wasser der Lagune hinweg, versteckt auf einer Insel im Süden, liegt seit Jahrhunderten ein zweites Venedig – ein kleines, unbekanntes.
Eines ohne Gepränge und Touristenströme, ein Aschenputtel im Schatten der Signora: Chioggia. „Wasservolk“ nennen sich stolz die Chioggiotti. Jeder, der jenseits der 850 Meter langen Altstadt kommt – sei er aus Rom oder New York – gilt hier als Hinterwäldler.

Stadt des (einheimischen) Glückspiels
Jahrhunderte lang war Chioggia vom Festland abgeschnitten: Von 53000 Einwohnern tragen heute noch zwei Drittel dieselben wenigen Nachnamen. Der abgeschiedene Mikrokosmos hat bizarre Eigenheiten ausgebrütet – Spielsucht etwa, die von der Gesundheitsbehörde offiziell zum kollektiven Syndrom erklärt wurde.
So wie ihre Vorfahren, die auf dem Wasser jeden Tag das Schicksal herausforderten, sitzen heute Hunderte Chioggiotti, Frauen vor allem, schon am frühen Morgen in den unzähligen Bars der Stadt beim illegalen Lotto, Kartenspiel oder Video-Poker und lassen sich dabei von Hellsehern beraten. Als „das Neapel des Nordens“ gilt in Italien diese Stadt, die immer noch im Aberglauben und in mittelalterlicher Spökenkiekerei verharrt.
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