Friaul: Adria und Alpen

Italien_Friaul_CollioEs geht ruhig zu im Friaul – so ruhig, dass selbst erfahrene Italienreisende mit dieser Region keine Vorstellung verbinden. Giorgio Zoppolotti, der Chef des renommierten Restaurants «Al Giardinetto» im Winzerort Cormons, klagt: Als «Durchgangsland auf der Reise nach Kroatien» hätten deutsche Touristen seine Heimat bezeichnet. «So etwas tut weh», sagt Zoppolotti. Im Ausland seien höchstens die Sandstrände der Adria, allen voran der Badeort Grado, bekannt, nicht aber das Hinterland mit seinen Städten und Kunstwerken.

Zoppolotti lebt im Zentrum eines Gebiets, das unter Weinkennern weltweites Renommee geniesst. Die Hügelregionen des Collio und der nördlich angrenzenden Colli Orientali bringen einige der besten italienischen Weissweine, aber auch exzellente Rote hervor. Vieles erinnert hier an Piemont: das sanfte Hügelland vor dem Hintergrund des Hochgebirges, die gewundenen Strassen an den Rebhängen, gelegentlich ein Dorf auf einem Hügelrücken oder eine Burg.

Unterschiedlichste Einflüsse

Ebenso wie Piemont bietet das Friaul eine hervorragende Küche, und das aus ähnlichem Grund: In diesen Grenzgebieten haben sich unterschiedlichste kulinarische Kulturen miteinander verbunden. Sind es in Piemont die französischen Traditionen, so wirken im Friaul Einflüsse aus Österreich, Slowenien und der Bergregion Karnien. Nur in wenigen Gegenden Italiens kann man eine solche Fülle kulinarischer Entdeckungen machen.

Für seine Schinken berühmt ist das Hügelstädtchen San Daniele. Mehr als zwei Millionen Prosciutti jährlich werden hier angeblich hergestellt, ein Siebtel der italienischen Gesamtproduktion. Doch nicht die Masse macht es, sondern der Geschmack. Dieser Schinken bezieht seine Qualität aus der Ideallage, die das Friaul generell auszeichnet. Bergluft und Mittelmeerwinde, so behaupten die Einheimischen, mischten sich optimal in diesem Ort auf halber Strecke zwischen Adria und Alpen. «Prosciutto di San Daniele» geniesst deshalb bei Kennern einen besseren Ruf als die berühmten Parmaschinken.

Die Piazza Motteotti in Udine.

In der Provinzhauptstadt Udine hat die jahrhundertelange venezianische Herrschaft Spuren hinterlassen. Die Repräsentativbauten auf der zentralen Piazza Libertà ähneln udine_piazaa_tottunverkennbar den Vorbildern auf dem Markusplatz. Die gotischen Bögen und Fenster des Palazzo Comunale sind ebenso dem Dogenpalast nachempfunden wie das Weiss-Rosa des Marmors. Der prunkvolle Uhrturm imitiert sichtbar die venezianische Torre dell'Orologio, auch der Markuslöwe fehlt nicht. Das alles ist gleichsam ins Provinzielle übersetzt, in einen kleineren Massstab: weniger beeindruckend als in der Lagunenstadt, doch immer angenehm und liebenswert. So wie die ganze Stadt. Auf ihren Plätzen, in den gepflegten Bars und Geschäften, in den schattigen Gassen vergisst man die Turbulenzen Italiens. Wenn man sich im traditionsreichen Jugendstilcafé «Contarena» zum Apéritif niederlässt, fühlt man sich in einer heilen Welt, weit weg von schlüpfrigen Politikern und wirtschaftlichem Niedergang.

Rätselhafte Kirche

Nur wenige Kilometer von Udine entfernt liegt Cividale dei Friuli, lange Zeit das Zentrum der Region, heute eine ruhige Provinzstadt. Seit 568 war der Ort Hauptstadt des ersten lSanta_Maria_in_Valleangobardischen Herzogtums auf italienischem Boden. Die Erinnerung an die Langobarden ist noch immer präsent, am eindrucksvollsten im Oratorium Santa Maria in Valle, dem Tempietto Longobardo. Der kleine Bau am Steilhang über dem Natisone-Fluss ist Kunsthistorikern trotz hundertjähriger Forschungsarbeit ein Rätsel geblieben. Wozu diente das einst prunkvoll mit Fresken, Mosaiken, Marmor- und Stuckarbeiten geschmückte Kirchlein, wann genau ist es entstanden? Über eine vage Datierung ins 8. oder 9. Jahrhundert sind die Wissenschafter bisher nicht hinausgekommen, und mysteriös wirken auch die sechs Frauengestalten aus Kalkstuck hoch oben an der Eingangswand. Überlebende einer zerstörten, verschwundenen Welt? – Neben dem Tempietto Longobardo zeugen auch bedeutende Werke im Museo Cristiano von den Langobarden, vor allem das Taufbecken des Callixtus und der Ratchis-Altar, beide aus dem 8. Jahrhundert.

Cividale zeigt den ganzen Charme der italienischen Provinz, es ist ein angenehmer Ausgangspunkt auch für Ausflüge in die nahe gelegene Weinlandschaft der Colli Orientali und die abgelegenen Natisone-Täler an der slowenischen Grenze. In den kleinen Dörfern dieses Gebiets wird noch ein aus friaulischen, slowenischen und deutschen Elementen gemischter Dialekt gesprochen, den kein Auswärtiger versteht. Wie Südtirol und das Aostatal, die anderen mehrsprachigen Regionen Italiens, geniesst auch die «Regione autonoma Friuli-Venezia Giulia» einen Sonderstatus; doch existieren hier nicht nur zwei, sondern sogar vier offiziell anerkannte Sprachen.

Von Katastrophen gezeichnet

Die grösste Minderheit bilden die Slowenen. Ihre Rechte – etwa der Anspruch, die Kinder auf eigene Schulen zu schicken – sind im Lande zwar politisch umstritten. Doch der Umgang der verschiedenen Sprachgruppen miteinander ist friedlich. Die Tragik einer Grenzregion hat das Friaul zuletzt in den Isonzo-Schlachten zwischen 1915 und 1917 erlitten. In einem blutigen Stellungskrieg standen sich österreichische und italienische Truppen gegenüber, mehr als eine Million Soldaten fielen. Der grosse Militärfriedhof von Redipuglia und das Kriegsmuseum am Monte San Martino oberhalb von Gorizia erinnern auf eher unglückliche Weise mit distanzlosem Pathos an die Gemetzel. Eindrucksvollere Zeugnisse haben sie in Hemingways Roman «In einem anderen Land» gefunden und in Giuseppe Ungarettis Gedicht «San Martino del Carso»: «Von diesen Häusern ist nichts geblieben / als ein paar Fetzen Mauer. / Von so vielen, die mit mir waren, / ist nicht einmal so viel geblieben. / Aber im Herzen fehlt kein Kreuz. / Es ist mein Herz das zerstörteste Land.»

San Martino del Carso ist längst wieder aufgebaut, friedlich steht das kleine Dorf im Karst, ein paar Bauerngärten blühen, ein Hahn kräht, nur selten kommt ein Auto durch den Ort. Der Kanonendonner von einst ist längst verstummt, vergessen ist auch das schreckliche Erdbeben von 1976. Das Friaul, gezeichnet von historischen Katastrophen, erscheint gegenwärtig viel eher als eine Landschaft friedlicher Träume.

Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Züricher Zeitung



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