Montenegro: Zu viel Beton, zu wenig Gäste

Monte_1 Ein überdimensioniertes Betonskelett und regungslose Baukräne. Vor seiner unvollendeten Vergrößerung sei das Hotel As die beste Nobelherberge an der montenegrinischen Küste gewesen, seufzt ein Bootsverleiher: „Nun tut sich auf der Baustelle seit Jahren so gut wie gar nichts mehr.“

Die Goldgräberstimmung in dem 620.000 Einwohner zählenden Adria-Staat ist verflogen. Von dem kurzen Touristen- und Immobilienboom sind dem vor vier Jahren unabhängig gewordenen Montenegro nur stillgelegte Baustellen, ein Überangebot an leer stehenden Appartement-Blocks und ein Heer beschäftigungsloser Makler geblieben. Gegenüber den Boomjahren 2007 und 2008, in denen für renovierte Altstadtwohnungen in Küstennähe bis zu 5000 Euro pro Quadratmeter zu zahlen waren, sind die Preise um über ein Drittel, die Umsätze der Branche gar um 70 Prozent gesunken. Das berichtet ratlos die Beraterin im Maklerbüro „Forum Mare“ in Herceg Novi: „Viele wollen ihre Wohnungen wieder verkaufen.“

 

Keine Jobs durch Appartements

Große Werbeplakate buhlen in der Küstenmetropole Budva vor neuen Wohnkomplexen vergeblich um Käufer. „Viel Grün ist an der Küste leider zubetoniert worden“, klagt Tourismuswirtschaft-Professor Rade Ratkovic. Auf 200.000 werde die Zahl der Appartementbetten „in der grauen Zone“ geschätzt: „Die Ferienwohnungen sorgen weder für Monte_2Beschäftigung noch für Umsätze oder Steueraufkommen. Aber sie haben die Qualität des Tourismusziels Montenegro erheblich beeinträchtigt.“

Eigentlich, sagt der braun gebrannte Pensionsbesitzer Dragan Mracevic, habe Montenegro „den besten Teil vom Mittelmeerkuchen – spektakuläre Berge, Fjorde, den größten See auf dem Balkan und ein sehr klares Meer“. Dennoch fürchtet er, dass seine Heimat ihren „besten Moment schon verpasst“ habe. Allein in seiner Nachbarschaft seien 15 neue Wohnblocks aus dem Boden gestampft worden: „Die Besitzer sind vielleicht zwei, drei Wochen im Jahr in ihren Wohnungen. Aber selbst wenn sie die Schlüssel an Untermieter vergeben, bringt das hier kaum etwas.“

Immobilien gegen Schwarzgeld

Schon in den 1990er-Jahren seien Schwarzgelder aus dem Zigaretten- und Waffenschmuggel und Bestechungsgelder aus der russischen Privatisierung auf den Immobilienmarkt gelangt, berichtet Dejan Milovac, der stellvertretende Vorsitzende der Antikorruptionsorganisation „Mans“. Es gebe zwar viele Verdachtsmomente auf Geldwäsche durch dubiose Investoren und korrupte Politiker. Doch wer genau hinter den Investitionen stehe, sei kaum nachzuvollziehen: „Die meisten Firmen sind in Steuerparadiesen wie Seychellen, Zypern oder Belize registriert– und müssen ihre Eigentumsverhältnisse nicht offenlegen.“ Selbst illegal errichtete Appartement-Siedlungen in Naturschutzgebieten würden „dank Korruption auf allen Ebenen“ von den Behörden nachträglich klaglos abgesegnet, berichtet Milovac.

Die Investitionen gingen nach einem Muster über die Bühne: Erst beantrage der Investor neben einem Hotelneubau auch die Genehmigung für den Bau einiger Appartements. Dann errichte er Ferienwohnungen, das zugesagte Hotel werde hingegen nie gebaut. Und der Investor verschwinde.

 

Hotelbetten fehlen

Die „schönsten Lagen“ der Küste seien so „zerstört“, der Großteil der Küste sei „ohne jeglichen Nutzen für die Allgemeinheit zubetoniert“ worden, klagt der Bürgerrechtler: „Und Monte_3Kritiker bekommen von der Regierung das Etikett umgehängt, dass sie das Land schlechtmachen und die Entwicklung bremsen.“Mit der Besteuerung von Ferienwohnungen und Steuererleichterungen für Hotelneubauten müssten Investitionen umgeleitet werden, fordert Milovac. Mit der Umnutzung leer stehender Appartements könnten die für Reiseveranstalter zu geringen Hotelkapazitäten wieder vergrößert werden. Die Tourismuspolitik müsse sich auf den EU-Markt und weniger nach Russland und Serbien ausrichten: „Wir sind ein Flugziel und brauchen die großen Reiseveranstalter in Westeuropa – vor allem zur Auslastung der Nebensaison.“

Mit freundlicher Genehmigung: Die Presse, Wien