Montenegro: den Balkan hautnah erleben

montenegro_busbahnhof_7.jpgIn jede Richtung sind es rund 40 Kilometer, schon ist man da. Dubrovnik

in Kroatien und Kotor in Montenegro. Vorausgesetzt, man hat einen

Leihwagen und verzichtet auf öffentliche Verkehrsmittel. Ansonsten

gilt: gedruckte Busfahrpläne gibt es nicht, die örtliche

Touristen-Information weiß nichts, die Infostelle am Busbahnhof weiß

alles, aber man versteht nichts. Die wohlbeleibte Dame am Info-Schalter

blickt ratlos, dann deutet sie mit rotierenden Armen an, dass natürlich

unentwegt Busse fahren - egal wohin. Das Kläppchen am Info-Schalter

fliegt zu - Ende der Debatte. Zum Trost sei ergänzt: Man findet einen

Bus für den Zielort und wieder zurück, nur für die Abfahrtszeiten

empfiehlt sich montenegrinische Gelassenheit.

Montenegro, - übersetzt der schwarze Berg -, wird eingegrenzt von

Albanien, Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Das Land hat sich im

Jahr 2000 erst für die Deutsche Mark als alleinige Währung entschieden

und seit der EU-Mitgliedschaft für den Euro. Touristen jedweder

Nationalität sind willkommen, doch so recht weiß man mit ihnen noch

nichts anzufangen, wenn sie mehr wollen als ein Hotelbett, gutes Essen,

Sonnenbad und einen Drink am Strand. Dabei blickt Montenegro auf eine

lange Wellness-Kultur zurück, die schon Tito und Alt-Bundeskanzler

Helmut Schmidt in Igalo, kur-berühmter Nachbar- und Vorort von Herceg

Novi, geschätzt haben.

Unter den klangvollen

Namen der Kurkliniken des Dr. Milan montenegro_hoteligalo_2.gifMilosevic kann sich runderneuern

lassen, wer möchte. Bis man sich allerdings durchgefragt hat in die

richtige Abteilung, ist ein halber Tag vorbei und die Muskulatur der

Waden und Oberschenkel schön straff dank der flotten Fußmärsche.

Im einstigen Luxushotel

in Igalo, unübersehbar in Beton gegossen und auf einer Anhöhe

platziert, wird der Wellness-Gast vorzugsweise mit Bädern, Massagen,

Packungen und kosmetischen Behandlungen versorgt. Das Haus, zu Titos

Zeiten das Mekka sozialistischer Eliten, hat leider seine Blütezeit

hinter sich.

Wer in den zahllosen

Kurklinik-Gängen mit einer schier unübersichtlichen Anzahl an Kabinen

schließlich hinter einem der Vorhänge in seine Wanne hüpft, atmet nur

kurze Zeit auf, weil er sofort die Luft anhält, wenn er ins Wasser

steigt: biestig kalt, weil gelegentlich „Probläm Electrizita“ - oder so

ähnlich.

Es soll vorgekommen sein,

dass sich dank dieses Temperaturschocks plötzlich Muskelverspannungen

gelöst haben.

Falls nicht, empfiehlt sich schleunigst der Gang nach draußen in die

wärmende Sonne. Die gibt es gratis, und sie schlängelt sich mit dem

Touristen hoch zur Villa Gareb, ebenfalls in Igalo, einst Titos private

Luxus-Bleibe für seine Kuraufenthalte und die seiner politischen Gäste.

Die Montenegriner

schwärmen immer noch von der feudalenmontenegro_villa_galeb.5.jpg Ausstattung. Wer sich davon

überzeugen will, wird jäh aus den Gedanken an einen einst

rekonvaleszierenden Tito gerissen, weil ein zähnefletschender schwarzer

Hund das umzäunte Areal gegen jeden Eindringling verteidigt, während

Security-Herrchen außerhäusig ist. Der einstige Tito-Komplex,

aufgekauft von ausländischen Investoren, ist nur jeweils freitags um 14

Uhr für eine geführte Besichtigung freigegeben. Das wiederum weiß die

Touristen-Information noch nicht.

Besser ist man da schon

in Kotor aufgehoben, Weltkulturerbe par excellence, eingebettet in eine

Landschaft und eine Bucht, die schöner nicht sein kann. Umgeben von

einer zehn Meter hohen Mauer, einst gebaut von den Venezianern, trotzte

Kotor in der Vergangenheit allen Angriffen und gibt sich auch heute

noch selbstbewusst und schön. Dank reichlich Geld aus Rom wurde die

einzige katholische Kathedrale der Stadt zum kotor_2.gifPrunkstück ausgebaut, und

hier ist wirklich alles Gold, was glänzt. Aber weniger die Kirchen

sind es, die Kotor prägen, als die herrschaftlichen Paläste der großen

Familien. Und wer sich satt gesehen hat an Kunst, Kultur und Kirchen,

der kann auch seinen weltlichen Hunger in kleinen und feinen

Restaurants stillen - zu relativ günstigen Preisen. Natürlich nicht zu

vergleichen mit denen im Umland, wo Essen und Trinken für hiesige

Verhältnisse Schnäppchen sind.

Nicht so im kroatischen

Dubrovnik, Kulturerbe Nummer zwei in unmittelbarer Nähe. Weitläufiger

und städtischer als Kotor und ein absoluter Besuchermagnet. Touristen

aus aller Welt in Shorts und durchgeschwitzten T-Shirts lassen sich in

den herrlichen Gassen gern auf die gepolsterten Sitze der Straßencafés

plumpsen, um dort ein kühles Bier zu bestellen. Das Personal nimmt es

kommentarlos gelassen hin, weil die satten Preise schon Schmerzensgeld

enthalten. Und - Dubrovnik, die Schöne, und Kotor, die Stolze, sie

haben schon ganz andere Invasionen überlebt.

 

EP/AN-Redaktion Porec