Törnvorbericht: Das vergessene Land

bari-14.jpgLange Zeit schlummerte Italiens Absatz mit seinem Sporn unbeachtet vor sich hin. Langsam aber entdeckt der Reisende die Fülle seiner Kultur und Geschichte, sonnt sich an den unberührten Sandstränden und geniesst die einzigartige Küche. Männer rufen laut, wiegen Tintenfische, säubern Seeigel, kaufen und verkaufen, verhandeln und lachen – wie jeden Sonntagmorgen in Bari. «Reine Männersache», sagt Elke Sciscio, «la tedesca», die seit 18 Jahren Touristen ihre Wahlheimat näherbringt. Die Deutsche mit italienischem Pass liebt dieses Land, das die Römer einst «Finis terrae», das Ende der Welt, nannten.

Nicht allein wegen seiner 820 Kilometer schönster Küstenabschnitte oder seiner reichen Kulturschätze, auch nicht wegen der köstlichen Regionalküche und der guten Weine; sondern vor allem auch wegen seiner Bewohner: «Die Menschen hier sind so offen und mitfühlend», sagt Elke Sciscio, «das erlebe ich jeden Tag aufs Neue.» Mehr als 1300 Trulli Schon auf der Fahrt entlang der Adriaküste Richtung Süden entdecken wir die ersten Zeugnisse der wechselhaften Geschichte Apuliens. Aus dem rötlich schimmernden Erdreich ragen zeitlose alte Unterstände und Scheunen hervor. Sie gehörten zu den charakteristischen Trulli, jenen runden weissen Häusern mit schuppenartigen Bruchsteinschieferdächern, deren Ursprung auf vorgeschichtliche Zeit zurückgeht. In Alberobello, südlich von Bari, gibt es mehr als 1300 dieser zum Unesco-Weltkulturerbe alberobello.jpgzählenden Rundhäuser. Im frühen Abendlicht glitzern die endlos scheinenden Olivenhaine silbrig. Manche der knorrigen Bäume sind bis zu 600 und mehr Jahre alt und liefern noch immer eine reiche Ernte. Wie die ganze Region: 40 Prozent des gesamten Olivenöls Italiens stammt aus La Puglia. In der Ferne auf einem Hügel sind die weiss getünchten Häuser eines Dorfes zu erkennen. Aus deren Mitte ragt eine stattliche Kirche empor – eine der vielen «Zeitzeugen» der unterschiedlichen Einflüsse, die den Stiefelabsatz in seiner langen Geschichte heimgesucht haben. Einst war die Region heiss begehrt: Griechen und Römer, Spanier und Araber kamen, siedelten und wurden wieder vertrieben. Auch Friedrich II., der Stauferkaiser, hat mit zahlreichen Kirchen, Kastellen und Burgen seine Spuren in Apulien hinterlassen. Karstiges Hinterland Südlich von Lecce erstreckt sich die karstige Hügellandschaft des Murge Salentine. Wir fahren vorbei an steinigen Feldern, uralten Olivenhainen, niedrigen Weinstöcken, passieren Feigen- und Mandelbäume. Bis dicht an die Küste reichen die Ackerflächen. Noch bis vor zehn Jahren gab es hier nur Fischerorte, heute sind bei vielen der mittelalterlichen Wachtürme, die einst zum Schutz gegen Türken und Sarazenen gebaut wurden, Ferienorte entstanden. Ferienorte? Auch wenn Apulien als weithin unentdeckt gilt, habe der Tourismus in den vergangenen Jahren in der Region um Gallipoli zugenommen, erzählt uns der nette Herr an der Bar am Corso Roma. «Vor allem Italiener und immer mehr Deutsche entdecken Apulien», sagt er und lächelt. Der belebte Corso führt zur alten Brücke von Gallipoli, welche die Neustadt von der im gallipoli.jpgMeer schwimmenden Altstadt trennt. So erhebt sich die «schöne Stadt» – griechisch «Kalépolis» – auf einer kleinen Insel, rundum von einer Wehrmauer umgeben. Im Innern windet sich ein Labyrinth aus eng verschlungenen Gassen, die auf winzige Piazze münden. Innenhöfe und weisse Häuser erinnern an arabische Architektur. Auch hier thront über allem eine Kathedrale – St.Agatha, ein Meisterwerk des Barock mit ihrer Fassade aus dem gelblichen Tuffstein der Region. Der Verkäufer im Tabacchi-Laden in der Altstadt schwärmt von den traumhaften Sandstränden und dem glasklaren Wasser seiner Heimat. Und dann erzählt er von seinen Jahren in Mailand und davon, dass der Fortschritt früher immer aus dem Norden kam. «Basta», sagt er abrupt und schlägt mit der Hand auf den Kassentisch, «meine Kinder sollen hier aufwachsen.» Ein Paradies für Vegetarier Kurz darauf sitzen wir im Ristorante Il Bastione an der alten Stadtmauer mit Blick auf den Hafen, Fischer flicken ihre Netze, nehmen Kurs aufs Ionische Meer, Möwen begleiten sie kreischend. In ihren geflickten Netzen wird bald La Spigola, der Seebarsch, zappeln. Denselben lassen wir uns gerade auf der Zunge zergehen. Die Apulier sagen: Es ist der beste Fisch Italiens. Sie sagen auch, dass nirgends im Land so gesund gegessen wird wie in Apulien. «Ein Paradies für Vegetarier», kommentiert Touristenführerin Elke. Allein bis zu vierzig Antipasti gebe es, ganz zu schweigen von den handgeformten Orechiette, Öhrchennudeln mit gekochten Rübensprossen und Sardellen. «Alles basiert auf regionalen Zutaten – Getreide, Gemüse und Olivenöl. An der Südspitze der Halbinsel bei Marina di Léuca, wo sich Ionisches marina_di_leuca.jpgund Adriatisches Meer treffen, beginnt die Küstenstrasse nach Otranto. «Atemberaubend, unvergesslich, einzigartig» sei die rund 40 Kilometer lange Steilküste, so überschlagen sich die Superlative. Und das ist tatsächlich nicht übertrieben. Doch das Beste ist: Kaum einer weiss um ihre Schönheit. Keine Staus, keine Campingplätze, keine überfüllten Buchten. Idylle pur, hier und da der verblichene Glanz herrschaftlicher Adelshäuser. Pforte zum Orient Wie in Santa Cesarea Terme, einem bekannten Badeort mit schwefelhaltigen Thermalquellen: Feudale Villen im muselmanischen Stil säumen auch hier die Küstenstrasse. Hinter dem südöstlichsten Punkt Apuliens, am Capo d’Otranto, von wo man an klaren Tagen bis nach Albanien sehen kann, wird die Landschaft karstig und schroff, Kühe weiden auf dem Hochplateau vor dem Horizont des blau schimmernden Meeres. In Otranto, auch «Pforte zum Orient» genannt, spüren wir die Geschichte aus Orient und Okzident auf Schritt und Tritt: hier die romanische Kathedrale mit dem faszinierenden Fussbodenmosaik, dort das Kastell der Aragonesen, das mit seinen Türmen und Mauern die Altstadt umgibt. Und am Hafen eine Gruppe von Männern – redend, gestikulierend, lachend...

 

 

Siehe auch unsere Reportage über den Salento.

 

 



Über AdriaMediaGroup:

Seit 1999 bilden Online-Magazine das Fundament unseres Unternehmens. Dank unser regelmäßigen Markt- und Zielgruppenanalysen kennen wir unsere Leserinnen und Leser sehr gut und wissen genau, was diese von unseren Magazinen erwarten. Mit renommierten Nachrichtenagenturen wie dpa und AFP ergänzen wir die uns zur Verfügung stehenden Informationsquellen aus Politik und Wirtschaft. Stetig entwickeln wir unsere Magazine weiter und kreieren immer wieder neue Online-Magazine, die speziell auf das entsprechende Marktumfeld angepasst sind. Ob das kleine Nischenmagazin, ein Wirtschaftsjournal im Internet oder ein Tageszeitung im Internet. Mit über 45 Millionen Seitenaufrufen pro Monat (quelle: PIWIK September 2016), zeigt sich dass unsere aktuellen Magazine vom Publikum sehr gut angenommen werden. In den 17 Jahren unserer verlegerischen Tätigkeit mussten wir uns bis heute weder einem Abmahnverfahren stellen noch jemals einen Widerruf veröffentlichen. Entgegen anderer Verlage basiert unsere Berichterstattung auf seriöser Recherche und reinen Fakten. Wir sehen in grundsolider Berichterstattung auch heute noch die Zukunft unserer Arbeit.

Die AdriaMediaGroup ist seit 1999 auf dem internationalen Markt tätig. Derzeit publiziert die ADMG auf dem deutschsprachigen Markt über 80 Online-Magazinen aus unterschiedlichsten Themenbereichen. Alle Zeitschriften werden von unserem eigenem Redaktionsteam regelmässig aktualisiert.