Italien: "Strada della Opera"

opera_italia.jpgAls Italien-Reisen noch eine abenteuerliche Sache war und etwas für wenige Auserwählte, gab es den Begriff der "grand tour": von Venedig bis Neapel aufgefädelt, alles was kulturell zum Kanon gehörte, was "man" gesehen haben musste. Wie würde heute so eine "grand tour" bezogen auf die italienischen Sommer-Opernfestivals aussehen? Obwohl man (zu) oft bereits hören kann, dass in den letzten Jahren in Italien vieles kaputtgespart worden ist, wären drei Städte sicher weiter dabei: Verona, Pesaro und Martina Franca. Pesaro 2007: Rossini authentisch, aber stimmschwach In Gioachino Rossinis Geburtsstadt Pesaro hat sich der aus Peru stammende Juan Diego Florez, der Rossini-Tenor Mitte 30, angesiedelt, dementsprechend ist es Ehrensache, für ihn regelmäßig Aufgaben beim Rossini Opera Festival zu finden.

Heuer war Florez in Rossinis "Otello" - nein, nicht Otello selbst, sondern weiterhin Rodrigo, den sich der Tenor schon vor Jahren für London erarbeitet hat. Aber wenigstens ist dieser Rodrigo eine viel größere Partie als später bei Verdi, und darf mit den beiden anderen Tenören der Oper, Otello und Jago, regelmäßig zusammen singen, zur Freude der vielen Florez-Fans. Als Otello hatte Gregory Kunde das Pech, einen Sänger ersetzen zu müssen, auf dessen Rollendebüt man extrem gespannt war, Giuseppe Filianoti. Und mehr als nur Pech hatte der Darsteller des Jago, Chris Merritt: ein Sänger, dem in der Geschichte des opera_pesaro.jpgRossini-Opern-Festivals bei vielen Werk-Wiederentdeckungen der 1980er Jahre ein sicherer Ehrenplatz gebührt, plötzlich und unerwartet zu Rossini zurückkehrend, nachdem er längst schon in einem ganz anderen Fach gelandet war. Die nach Pesaro angereisten Kritiker sind erstaunlich pietätvoll mit Merritt umgegangen, nach seinem nicht mehr festspielwürdigen Auftritt. Ein Lichtblick dagegen: die junge Desdemona in Person von Olga Peretyatko. Was tun, wenn alles schon "ausgegraben" ist? Pesaro hat es auch nicht leicht: Gerade jetzt, wo es im Grunde keine "neuen" Stücke von Rossini mehr auszugraben gibt, und wo sich herausgestellt hat, dass die Besucher regieliche Experimente nicht schätzen, muss gespart werden - und kommen nicht so viele junge Rossini-firme Sängerinnen und Sänger nach wie nötig. So sehen die Besetzungen nicht selten auch schon in der Papierform nach "auf Sparflamme kochen" aus. Geschehen 2007 beim "Turco in Italia", bei dem die Pesaro-Besucher einen Marco Vinco als Selim freudig annehmen, eine Alessandra Marianelli als Fiorilla, ein Filippo Adami als Narciso aber in den Ensembles eher bestehen können als in ihren Solonummern. So etwas wie "Rossini-Glück", um den Wiener "Standard" zu zitieren, wollte erst in der dritten Premiere aufkommen, der "Diebischen Elster", "La gazza ladra", mit der Sopranistin Mariola Cantarero im Zentrum, die bei anderen Gelegenheiten schon des Öfteren an der Seite von Juan Diego Florez aufgetreten ist.  Mit "no-names" kein Problem hat seit jeher das ein Stück südlicher beheimatete "Festival della valle d'Itria" in Martina Franca, das sich gänzlich den martina_franca.jpgOpernraritäten jeglicher Provenienz verschrieben hat. Heftig veristisch ist es in diesem Sommer in Martina Franca zugegangen an einem Abend, an dem zwei kaum je gespielte Werke von einerseits Umberto Giordano, andererseits Pietro Mascagni am Premieren-Programm standen: Von Giordano eine "Marcella", von Mascagni eine "Amica". Ergänzend konnte man die Oper, mit der 1737 das Teatro San Carlo in Neapel eröffnet wurde, erstmals wieder hören, und "Salome" von Richard Strauss, an sich viel zu "normal" für Martina Franca, erklang in der vom Komponisten autorisierten französischsprachigen Bearbeitung. (c) festivaldellavalleditria. Szenenausschnitt, "Salome" Oper für die Massen: Verona als Busreisen-Fixpunkt Den beiden Spezialitäten-Festivals in Pesaro und Martina Franca, denen mit jeder neuen "Ausgrabung" ein Stück Lebensberechtigung und mit jedem Jahr mehr die Sänger abhanden kommen, steht der florierende Opern-Massenbetrieb gegenüber, wie er in der Arena di Verona gepflegt wird. Einmaliges Ambiente, ein paar zugkräftige Namen am opera_verona.jpgBesetzungszettel - leider weiß man bei Vorausbuchung nie, welche Besetzung an welchem Abend geboten werden wird! -, Hits wie heuer "Nabucco" als Kassenmagneten, und schon ergießt sich Busladung nach Busladung von Opern-"tifosi" über die Veroneser Innenstadt. Auffallend, dass heuer mit "Boheme", "La Traviata" und dem "Barbier von Sevilla" drei Opern am Programm standen, die man mit ihren intimen Szenen nicht automatisch ins monumentale römische Amphitheater stellen würde. Auf der Bühne dabei die ganze Palette von Newcomern wie Tamar Iveri (Mimi) bis zu Routiniers wie Leo Nucci (Figaro) - und vielleicht war der eine oder andere Opernfan auf den Rängen sogar schon dabei, wie vor 60 Jahren Maria Callas in "La Gioconda" ihr Arena-Debüt hatte. Ein kleines Stück von einem solchen Opern-Kometen würde das für Pesaro und Martina Franca schon reichen.

 

Christina Tengel/AN