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Realitaet traumhaft erleben
Was dem Menschen vor rund 50 Jahren an Automobil-Luxus beschert wurde, trug die Bezeichnung XK 120 und stammte aus dem Hause Jaguar im britischen Coventry. Die sportlichen Erfolge machten den Roadster schnell über die Grenzen der Insel bekannt.
Herbst 2006: Vor der Tür unserer Redaktion, steht das neue Jaguar XK8 Cabrio. Wir haben das besondere Vergnügen in einer 14-tägigen Testfahrt das sprichwörtlich aristokratisches Fahrgefühl der britischen Nobel-Marke zu "erfahren". Unsere ausgesuchte
Route führt uns über die Alpen mit Ziel "Italien" und dem Wunsch nach Sonne. Die erste angenehme Überraschung erleben wir bereits vor Reiseantritt, als wir unser Bordgepäck verstauen wollen. Der Koffer und die zwei Reisetaschen passen problemlos in den gräumigen Gepäckraum. Damit ist der XK8 auch von Kofferraumvolumen ein durchaus vollwertiger Reisewagen, was man von Cabrios nicht immer behaupten kann.
Der Start in unser Testabenteuer beginnt fast standardmäßig mit dem typischen bayerischen Landregen. Als wir auf die Autobahn auffahren gießt es wie aus Eimern. Aber weder das Stoffverdeck noch die übrige Karosse lassen sich davon beeindrucken oder gar ein Wassertröpfchen in Fahrzeuginnere gelangen. Stunde um Stunde schaufeln die Scheibenwischer fast geräuschlos den fortdauernden Regen von der Windschutzscheibe und der leise
vorsichhinbrabbelnde Achtzylinder wirkt beruhigend auf unser, vom Wetter angekratztes, Gemüht. Noch immer befinden wir uns auf der Autobahn in Richtung Süden. Als wir an Salzburg vorbeifahren schält sich nur schemenhaft der Mönchsberg aus dem tristen Regentag. Und nicht die Spur einer Wetterbesserung in Sicht. Drei Stunden später haben wir den letzten Tunnel in Richtung Süden hinter uns gelassen und merken sofort daß Italien ein Land der Sonne ist. Schlagartig reißt der Himmel auf und die ersehnte Sonne schickt die ersten wärmenden Strahlen durch die sich schnell verkleinernde Wolkendecke. Endlich die Gelegenheit das offene Fahrgefühl zu genießen. Wir verlassen die Autobahn und steuern über schmale Landstraßen auf herrschaftliche Villen und bezaubernde Aussichtspunkte zu. Vor diesem eindrucksvollen Ambiente hebt sich die klassisch elegante Form des Nobel-Cabrios besonders ab. Überhaupt integrieren sich die sanft geschwungenen Linien der britischen Edelkatze harmonisch in die mediterane Landschaft. Weiter geht die Reise, auf zum Teil unbefestigten Straßen, vorbei an kleinen romantischen Schlössern, vergessen von der Zeit, durch alte Dörfer mit ebenso alten Kirchen. Hier wäre man nicht einmal überrascht, wenn plötzlich Don Camillo oder Peppone persönlich vor einem stünde.
Durch schier endlos scheinende Baumalleen, die an beiden Seiten immer wieder von blühenden Mohnfeldern flankiert werden, erreichen wir die Villa dei Dogi, ein Sommerschloß der Dogen von Venedig. All diese Eindrücke, wie die unverbaute Weite der Landschaft, die durch Bäume beschattete Landstraße, die warme unverbrauchte Luft, die bereits die Nähe des Meeres erkennen läßt, und die leise sensible Sopranstimme von Cecilia Bartoli aus dem "Italian Songbook" komponieren ein Ambiente, das uns die Sinne betäubt. Ein Erlebnis.
Der XK8 erweist sich im Verlaufe unserer Reise als ein sehr alltagstaugliches Fahrzeug, was bei seinen Vorfahren nicht unbedingt immer der Fall war. Es ist einfach erhebend, diese Symbiose aus moderner, zeitgemäßer Technik und klassischem Anspruch über die Straßen Italiens zu bewegen. Selbst auf unbefestigten Wegen läßt sich der Jaguar nicht aus der Ruhe bringen und vermittelt so ein Gefühl von Souveränität und Sicherheit. Daß sich der Verbrauch dieses Achtzylinders nicht unbedingt an die gehobenen Ansprüche anpaßt, bedarf durchaus besonderer Beachtung. Im Gegensatz zu einem der ersten
Exemplare dieses Typs, den wir letztes Jahren fahren konnten, war bei dieser Edelkatze der Verbrauch durchschnittlich um ca. 1,5 Liter je 100 Kilometer niedriger. Beim flanieren über die Landstraße, mit einem gemächlichen Tempo um die 80 Stundenkilometer, liegt der Verbrauch bei der neueren Version bei rund 8 Litern Super bleifrei auf 100 Kilometer. Fordert man die Kraftreserven etwas mehr, pendelt sich sein Konsum um die 10 Liter ein und bei forscher Fahrweise wird der Jaguar mit über 14 Liter auf 100 Kilometer nicht mehr zum Schluckspecht, sondern zeigt sich durchaus gezähmt. Egal welches Tempo von piano bis forte angeschlagen wird, die Fahrgeräusche bleiben immer aristokratisch dezent. Auf der Rückreise stellte die englische Edelkatze seine außerordentliche Langstreckentauglichkeit unter Beweis. Selbst bei Tempo 180 auf der Autobahn gab es keine störenden Windgeräusche durch das geschlossene Verdeck. Am Ende unserer Testfahrt empfinden wir so etwas wie Trennungsschmerz, als man den XK vom Redaktionsparkplatz abholt.
An die schönen Dinge im Leben gewöhnt man sich halt schnell.
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