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Kultur: Die Geschichte Venedigs
Thomas Mann bezeichnete in Tod in Venedig die Serenissima als „halb Märchen, halb Touristenfalle“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Republik Venedig ist längst Geschichte. Der Abstieg begann vor vielen Jahrhunderten. Als winziger Teil Italiens ist die Stadt politisch und wirtschaftlich schon lange unbedeutend. Doch kulturell hin und wieder leuchtend und mit dem morbiden Charme des Zerfalls ausgestattet verzaubert Venedig die Touristen nach wie vor.
Anfänge um 476 p.Chr.n.
Die Geschichte Venedigs beginnt mit der Völkerwanderung nach dem
Zusammenbruch des Weströmischen Reiches im Jahr 476 nach Christus. Als
Hunnen- und Germanen-Stämme im 5., 6. und 7. Jahrhundert das
venezianische Festland unsicher machten, flohen viele Ortsansässige
sowie Flüchtlinge aus dem weiteren Umkreis auf die Inseln der Lagune.
Das Festland und ganz Norditalien gerieten unter die Herrschaft der
Goten und später der Langobarden, während dem sich die Lagunenbewohner
unter die Schutzherrschaft des Byzantinischen Reiches stellten, das aus
dem
Oströmischen Imperium hervorgegangen war.
Im Jahr 697 ernannte der byzantinische Exarch von Ravenna den Dogen
(von lateinisch Dux - Führer) Venedigs. Sein Regierungssitz lag auf der
Insel Heraclea. In der der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts
residierten die Dogen auf der inzwischen untergegangenen Insel
Malamocco, an die heute lediglich noch eine kleine Ortschaft am Lido
erinnert. Malamocco wurde im 12. Jahrhundert von einem Erdbeben und der
nachfolgenden Sturmflut vollständig zerstört. Bereits der zehnte Doge
Angelo Participazio verlegte den Regierungssitz zum Rialto, mit dem die
eigentliche Stadtgeschichte Venedigs beginnt.
Bis zum Jahr 804 alleine starben acht Dogen eines gewaltsamen Todes.
Einflussreiche Adelsfamilien mit Festlandbesitz stritten um die
Vorherrschaft in der Lagune. Von Tourismus war damals natürlich noch
keine Rede, sondern der Kampf drehte sich um die Ausbeutung der
lukrative Salinen. Erst als die Franken unter Karl dem Grossen und
seinem Sohn Pippin Venedig belagerten, besannen sich die Insulaner auf
die Bündelung ihrer Kräfte zur Verteidigung der Lagune. Die Civitas
Venetiarum mit dem Rivus Altus als Keimzelle wehrte sich erfolgreich
und wurde bald in Venetia umbenannt.
In den folgenden Jahrhunderten expandierte Venedig wirtschaftlich und
militärisch zu Wasser und zu Land.
Freistaat Venedig
Von den Inseln in der Lagune eroberten die Kaufleute und Piraten die See- und Handelswege durch die Adria ins östliche Mittelmeer. Byzanz befand sich damals auf dem absteigenden Ast und gewährte dem verbündeten Venedig den Statuts eines Freistaates. Die offenen Häfen und Handelsrouten des Orients erlaubten den Venezianern den Aufstieg zur See- und Handelsmacht. Im Jahr 828 stahlen die Venezianer die Gebeine des Evangelisten Markus aus Alexandria und brachten ihn nach Rialto, wo er zum Heiligen der Lagunenstadt und später zum Namenspatron des weltberühmten Markusplatzes avancierte. Die Bevölkerung wuchs rasch an und einflussreiche Kaufmannsfamilien dominierten die Stadt und kontrollierten die Macht des Dogen. Beim vierten Kreuzzug 1202-1204 fiel Venedig der einstigen Schutzmacht Byzanz in den Rücken. Der 92jährige blinde Doge Enrico Dandolo (aus der Familie, die später den Palast des heutigen Hotels Danieli baute) sandte die Kreuzfahrer nach Konstantinopel, anstatt nach Palästina.
Vom Kleinstaat zur Grossmacht
Unter dem Vorwand, die Einheit des Christentums wieder herzustellen
wurde Konstantinopel geplündert und zerstört. Nahezu die Hälfte des
ehemaligen Ostrom fiel an Venedig.
Der Stadtstadt stieg von einer Seemacht zur Grossmacht auf, mit
Stützpunkten auf den meisten ägäischen sowie einigen ionischen Inseln
wie Korfu und Kreta, daneben in vielen Häfen des Peloponnes und später
auch auf Zypern.
Der Aufstieg Venedigs forderte den Erzfeind Genua heraus, der sich mit
den Nachfolgern der entthronten
byzantinischen Kaisern verbündete. Die
Genueser blockierten zahlreiche venezianische Handelsstückpunkte und
besetzten gar die Lagunenstadt Chioggia. Die Kämpfe um die
Vormachtstellung im Mittelmeerraum dauerten von 1257 bis 1381 und
endeten mit dem Sieg Venedigs. Die Stadt zählte damals rund 200,000
Einwohner. Die Patrizierfamilien errichteten prunkvolle Paläste und
bedeutende Sakralbauten. Glashütten, Seidenwebereien, Schiffswerften
und der Handel mit Gold und Silber, Bernstein, Holz, Wolle, Zinn und
Eisen machten die Stadt reich.
Im 15. Jahrhundert dehnte Venedig seine Herrschaft zusätzlich auf dem
Festland auf. Der Schutz gegen das Osmanische Reich und die Erreichung
einer Vormachtstellung im Gebiet des heutigen Italien waren das Ziel.
Mit Hilfe von Condottieri genannten Feldherren über Söldnerheere
eroberte Venedig Gebiete der dalmatinischen Küste, im Friaul und in der
Emilia-Romagna. Zur Sicherung der Herrschaft wurden Statthalter
eingesetzt.
Grösste Ausdehnung im 15. Jahrhundert
Unter dem Dogen Fancesco Foscari (1423-1457) erreichte Venedig seine grösste Ausdehnung. 1453 eroberte das Osmanische Reich Konstantinopel und gefährdete die venezianische Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer. Kreta, der Peloponnes und Zypern gingen verloren. Osmanische Seeräuber drangen bis in die Adria vor und besetzten 1499 gar Gebiete im Friaul. Die über drei Jahrhunderte andauernde Ausdehnung des Osmanischen Reiches bedeutete den stetigen Machtzerfall der Serenissima Repubblica Veneta im östlichen Mittelmeer. Der venezianische Aufstieg hatte auch in Westeuropa zu Ärger, Neid und Argwohn geführt. 1508 formierte sich eine antivenezianische Allianz in der Liga von Cambrai. Papst Julius II., Kaiser Maximilian I. und der französische König Ludwig XII. wiesen die Venezianer in der Schlacht von Agnadello an der Adda 1509 in die Schranken. Die Lagune und ihre Flotte hielten bis zur Auflösung der Liga von Cambrai stand, doch die Grossmachtstellung Venedigs war dahin. Die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama erschütterte 1499 die Handelsstellung Venedigs weiter. Die noch immer finanzkräftige Serenissima versuchte sich verzweifelt dagegen zu wehren und plante im 16. Jahrhundert den Bau des Suezkanals, der damals aber technisch noch nicht möglich war, in jedem Fall nicht umgesetzt werden konnte. Venedig setzte nun auf die innere Konsolidierung und rüstete weiter gegen die noch nicht gebannte Türkengefahr.
Niedergang in Etappen
1571 suchte die Heilige
Liga unter Papst Pius V. die Konfrontation mit den Türken, wobei die
Venezianer die Hälfte der Waffen und Schiffe stellte. Obwohl die
christliche Allianz in der Schlacht von Lepanto 1571 siegreich war,
bedeutete dies kein Wiedererstarken Venedigs, da sowohl der mächtige
Kirchenstaat wie auch das aufstrebende Spanien dies zu verhindern
wussten.
Die Venezianer hatten sich oft als Freidenker
hervorgetan, die mit den
Protestanten und Calvinisten sympathisierten. Die Dogen liessen sich
vom Humanismus der Renaissance leiten. Als der Doge Leopold Donato
(1606-1612) sich dem Kirchenbann erfolgreich widersetzte, den Papst
Paul V. wegen der Verurteilung zweier hoher geistlicher nach
venezianischem Recht verfügt hatte, bedeutete dies für den Vatikan ein
herber Rückschlag.
1575 und 1630 wurde Venedig von der Pest heimgesucht. Die zweite
Epidemie holte sich die Republik, an der Seite Frankreichs kämpfend,
vom französisch-habsburgischen Krieg nach Hause. In der Folge starb
rund ein Drittel der Bevölkerung. Die Stadt stand 16 Monate unter
Quarantäne, was dem Handel nicht zuträglich war. Als sich die Republik
von den Folgen der Pest erholt hatte, wurde sie 1645 von den Türken in
einen Kieg um Dalmatien, den Peloponnes und Kreta verwickelt. Nach
zwischenzeitlichen Erfolgen gingen 1669 Kreta und 1718 der Peloponnes
endgültig verloren.
Neue Grossmacht Habsburg
Als die neue Grossmacht Habsburg die Türken zurückdrängte, gab Venedig die letzten Handelsstützpunkte im ägäischen Meer auf. Nun stand nur noch die Rettung der kleinstaatlichen Unabhängigkeit der Republik auf dem Programm. Wirtschaftlich verlor Venedig seine führende Stellung im Kreditwesen und im Handel an nord- und westeuropäische Konkurrenten. Die Lagunenstadt wurde immer protektionistischer und beschleunigte so den Niedergang. Die Herstellung von luxuriösem Glas und der beginnende Tourismus konnten den Niedergang Venedigs allerdings nicht verhindern. Die kulturelle Blüte Ende des 18. Jahrhunderts wurde überschattet vom Ende der Republik. Bereits 1724 zählte die einstige Königin der Adria nur noch 216 Patrizierfamilien, gerade noch so den überdehnten Beamtenapparat und den Grossen Rat zu besetzen vermochten. Nach wie vor hing der Zugang zu Spitzenpositionen vom Vermögen ab.
Reformunfähigkeit beschleunigt Niedergang
Die reformunfähige Republik hielt sich 1750 am Kirchenbesitz schadlos, um das unruhige Volk mit Fürsorgeeinrichtungen ruhig zu halten. Zudem musste die Lagune mit einer wellenbrechenden, 15km langen, 14m breiten und 4,5m hohen Deichanlage geschützt werden. Tiepolo, Casanova und Goldoni verliehen dem Abgesang der Republik künstlerischen Glanz. Im französischen Revolutionsjahr 1789 kam der letzte Doge, Ludovico Manin, an die Macht. Als Napoléon Bonaparte 1797 einmarschierte verlor die Adelsrepublik ihre Selbständigkeit. Im Mai 1797 erklärte der Grosse Rat mit lediglich 30 Gegenstimmen die Abschaffung der Republik. Napoléon Bonaparte verbrannte das Goldene Buch der Serenissima, das die Namen aller bedeutenden Patrizierfamilien enthielt.
Angliederung an Österreich
Noch 1797 gliederte
der Franzose das gesamte Veneto einschliesslich Venedig Österreich an.
1805/06 fiel Venedig ans napoleonische Königreich Italien, ehe es
1814/15 als Teil des Lombardo-Venezianischen Königreichs
erneut zu
Österreich geschlagen wurde. Am 23. März 1849 schliesslich rief Daniele
Manin die Repubblica di San Marco in Venedig aus, die ein gutes Jahre
lang ihre Unabhängigkeit behaupten konnte, ehe am 23. August 1849 die
Österreicher die Republik zurückeroberten und den Belagerungszustand
erst 1854 aufhoben.
Das absolutistische Österreich wiederum verlor 1866 den Krieg gegen die
Preussen, mit dem das 1861 gegründete Königreich Italien verbunden war,
dem im Frieden von Wien daher am 3. Oktober 1866 Venedig zugeschlagen
wurde. Misswirtschaft und Korruption regierten. Das Veneto jedoch
erlebte einen fortgesetzten Niedergang. Bis 1890 wanderten rund 1,4
Millionen Menschen aus. In der Stadt Venedig lebte rund ein Drittel der
Bevölkerung in Armut.
Neuer Aufschwung erst ab 1917
Erst die Eröffnung des Hafens und des Schwerindustrie-Komplexes in Mestre-Marghera 1917 brachten Hoffnung zurück. Fortan setzte die Lagune auf den Tourismus, das Festland auf die Industrie. Trotz der Ansiedelung der Rüstungsindustrie in Marghera blieb Venedig im Zweiten Weltkrieg von grossen Zerstörungen verschont. Doch da die Industrie bis in die 1970er Jahre Vorrang hatte, verschlechterte sich die ökologische Situation der Lagune zusehends. Zudem überalterte die Stadt Venedig zusehends. Seit den 1990er Jahren unter Bürgermeister Cacciari (1993-2000 und 2005-?) setzt die Stadtregierung auf Kanalreinigung, Schutz vor Hochwasser, Subventionierung der Renovierung von Wohnhäusern, die Universität mit ihren jungen Menschen und die Ansiedelung von europäischen Institutionen. Gleichzeitig entdeckte das Jetset verstärkt Venedig. Verwaltung und Tourismus bleiben weiterhin die entscheidenden Einkommensquellen. Der Massentourismus zusammen mit dem steigenden Wasserspiegel stellen dabei die grösste Gefahr für die Stadt dar, die jeder in seinem Leben mindestens einmal besuchten haben sollte, was zum erwähnten Massentourismus führt...
EP/mit Material von Enid und Tourist Information Venedig
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