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Markusrepublik Venedig: Nie wieder Agnadello
Die verheerende Niederlage von Agnadello 1509 beendete Venedigs Großmachtstellung. Der Doge Andrea Gritti wollte sich damit nicht abfinden. Er versuchte eine Politik der Erneuerung und legte so die Grundlagen für eine kulturelle Spätblüte der Stadt. Er gehört zu den berühmtesten Plätzen der Welt: der Markusplatz in Venedig. Die geschlossene Harmonie der ihn einfassenden Gebäude lässt den heutigen Betrachter nur zu leicht vergessen, dass diese Ausgewogenheit keineswegs das Ergebnis einer einheitlichen Planung darstellt, sondern über Jahrhunderte hinweg entstanden ist. Einen wesentlichen, vielleicht entscheidenden Schritt in diesem Entstehungsprozess stellten die Baumaßnahmen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts dar. Sie sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.
Denn der große Bildhauer und Architekt Jacopo Sansovino, seit 1529 so etwas wie der venezianische Staatsarchitekt, schuf mit der Verbreiterung des Platzes und dem Neubau der Staatsbibliothek, gegenüber dem Dogenpalast, ein Ensemble, dessen Formensprache die weitere Gestaltung des Markusplatzes vorprägen sollte und das in vielerlei Hinsicht mit alten venezianischen Traditionen brach. Über die Jahrhunderte hinweg hatte Venedig eine eigenartige und höchst originelle architektonische Tradition entwickelt, bedingt zum einen
durch die einzigartige Lage in einer Lagune, zum anderen durch die Bindungen an das Oströmische Reich, zu dem Venedig lange gehört hatte. So war die Formensprache der Kirchen und Paläste, die in der Lagune entstanden, geprägt von byzantinischem Einfluss; darüber hinaus hatte auch die Gotik hier Fuß gefasst wie in kaum einer anderen italienischen Stadt. Dagegen fanden die neuen Formideale der Renaissancearchitektur, wie sie sich im übrigen Italien im späten Mittelalter Bahn brachen, in Venedig lange Zeit fast keinen Widerhall. Das sollte sich erst im Lauf des 16. Jahrhunderts ändern. Wie ein Fanal muss Sansovinos Wirken am Markusplatz gewirkt haben. Eine Platzanlage, deren Form deutliche Reminiszenzen an die römischen Foren aufwies, eine Bibliotheksfassade, deren durch Halbsäulen elegant rhythmisierte Fassade zahlreiche antike Formmotive zitierte: Das alles war neu. Und spiegelt tiefgreifende gesellschaftliche und politische Wandlungsprozesse wider. Das 15. Jahrhundert hatte Venedig auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung gesehen. Die einstige byzantinische Provinzstadt agierte im Stil einer europäischen Großmacht. Als Wirtschaftsdrehscheibe für den Handel zwischen Abendland und Levante besaß sie nahezu eine Monopolstellung. 1501 schrieb der Patrizier Marin Sanudo (1466 –1536), dessen im Zeitraum zwischen 1496 und 1533 geführte Tagebücher eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte Venedigs zu Beginn des 16. Jahrhunderts sind, in kräftig-patriotischen Tönen, doch gewiss nicht an den Haaren herbeigezogen, über den Zustand des venezianischen Handelsimperiums: „Zu keiner Zeit befand sich die venezianische Nation in einem
Zustand größeren Wachstums an Macht und Einfluss … Ihr Hafen war stets überfüllt von unzähligen Schiffen, teils fremden, teils eigenen, die aus allen Teilen der Welt hier zusammenkamen.“ Das venezianische Seereich, der stato da mar, umfasste Teile Dalmatiens und Griechenlands, Kreta und Zypern sowie viele kleinere Inseln im östlichen Mittelmeer. Und auch auf dem oberitalienischen Festland war es der Markusrepublik gelungen, Fuß zu fassen. Ihr Herrschaftsgebiet, die terra ferma, bestand dank der ebenso diplomatisch geschickten wie energischen Expansionspolitik unter dem Dogen Agostino Barbarigo (1486 –1501) um 1500 nicht nur aus dem heutigen Venetien, sondern auch aus großen Teilen der Lombardei und des Friaul – und es sollte weiter vergrößert werden. Dabei jedoch überspannten die von ihren Erfolgen verblendeten Diplomaten der Serenissima den Bogen und schweißten in einer staunenerregenden Kette von politischen Fehleinschätzungen, falschen Entschlüssen und anmaßendem Verhalten zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine an sich geradezu unwahrscheinlich anmutende Koalition von erbitterten Gegnern zusammen. In der „Liga von Cambrai“ schlossen sich 1508 der römisch-deutsche Kaiser Maximilian I., die Könige von Spanien und Frankreich sowie Papst Julius II. zusammen. Sie alle waren untereinander verfeindet im Kampf darum, ihren Einfluss in Italien zu vergrößern. Das einzige Motiv, das sie für einen kurzen historischen Augenblick vereinte, bestand in dem Wunsch, dem weiteren Ausgreifen der Markusrepublik in Oberitalien ein Ende zu bereiten...
Dr. Arne Karsten/AI/LC
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